Intendaten-Tagebuch


4.2017 / Alexander Netschajew

Es besteht mittlerweile kein Zweifel darüber, dass am 4. April Giftgas in Syrien eingesetzt wurde. Die Folge? Unterschiedliche Schuldzuweisungen der Mächtigen, keine Gewissheit über die wahren Sachverhalte, Aufklärung – Fehlanzeige. Sicher ist nur: Es gab weit über 80 Todesopfer, elendiglich erstickt am Wasser in den eigenen Lungen, ausgelöst durch den chemischen Kampfstoff Sarin. Die Opfer waren Zivilisten, darunter viele Kinder. Die verätzte Lunge füllt sich mit Körperwasser, man erstickt langsam und qualvoll. Bei einer nicht tödlichen Dosis bleibt die Lunge lebenslang geschädigt.

 

Schuldgefühle? Den Staatenlenkern Trump und Putin scheint eine solche menschliche Regung gleichermaßen zu fehlen. Der eine erzählt launig einer Reporterin, die dem Alter nach seine Tochter sein könnte, vom delikaten Schokoladenkuchen, den er mit Chinas Staatspräsidenten gegessen hat, als er den Befehl zur Bombardierung des Irak gab. – Verzeihung, Mr. President, es war Syrien! – Wie? Ach ja, Syrien! – Der andere beharrt trotzig auf einer Version, wonach die Raketen geheim gelagerte Chemiewaffen der Rebellen getroffen und die dann die Giftgaskatastrophe ausgelöst haben sollen. Eine wissenschaftlich widerlegte Theorie. Nicht einmal im Lügen oder im Seriosität-Vorheucheln gibt man sich mehr Mühe? Da stirbt gerade vor den Augen der Weltöffentlichkeit seit sechs Jahren ein Volk und die Weltmächte agieren und argumentieren auf Kindergartenniveau. – Wie ekelhaft!

 

In Syrien, das scheint offensichtlich, geht es um Einfluss-Sphären, Machtansprüche und – so vermute ich – um knallharte Wirtschaftsinteressen. Die Leidtragenden sind die Menschen.

 

Der syrische Bürgerkrieg begann 2011 und dauert ohne Hoffnung auf Waffenruhe an. Nach UN-Schätzungen gab es bereits mehr als 500.000 Tote, fast fünf Millionen Syrer sind auf der Flucht. Und wo, bitte, ist letzten Endes der Unterschied, ob einen eine mit Nägeln gefüllte Fassbombe zerreißt, ob einem eine bunkerbrechende Waffe das eigene Kellergeschoss zum Grab macht, oder ob Giftgas einem das Wasser in die Lungen treibt und qualvoll ersticken lässt? Ist das eine Morden besser als das andere? – Ich verstehe das nicht.

 

Ich war nie in Syrien, kenne die Schönheit dieses Landes und die Schrecken dieses Krieges nur aus den Medien und dem Internet, so wie wohl die meisten von uns. Aber in Syrien – so wirkt das auf mich – scheinen längst alle roten Linien, Grenzen, Hemmungen und Schuldgefühle verschwunden. Eine Welt, die nur noch mit den Schultern zuckt, wenn Krankenhäuser bombardiert, Hilfskonvois samt Fahrer verbrannt, Städte ausgehungert werden, eine solche Welt ist selbst längst so verroht und abgestumpft wie dieser Krieg. Da nützt es auch nichts, bei dem Wort „Giftgas“ – egal von wem und gegen wen – ein betroffenes Gesicht aufzusetzen.

Und leider gehöre ich, gehören wir mit zu dieser Welt, die zuschaut. Zuschauen muss.

 


4.2017 / Alexander Netschajew

Sie sind wieder da. Für einen Nachmittag. Die "besorgten Bürger", die eigentlich "hasserfüllte Neidhammel" heißen sollten. Thügida. Aha. Liegt Stendal in Thüringen? Da hab ich wohl was nicht mitbekommen. Seit wann darf eigentlich "Rassismus" als "Sorge" umetikettiert werden? Ach, es ist immer wieder schwer zu ertragen, dass diejenigen sich auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit berufen, die ganz offensichtlich die Freiheit, ja oft sogar die bloße Daseinsberechtigung anderer in Frage stellen. Und das meistens in einem Tonfall aus Selbstmitleid und Brutalität. Aber: Wir werden das aushalten. Wir werden es aushalten, dass Rechtsextreme die altmärkische Luft mit ihrem Geräusch erfüllen, sich aufführen, als gehörte Ihnen der Stendaler Grund und Boden und als seien sie "das Volk". Nö! Seid ihr nicht! Schon rein rechnerisch nicht.

Wir werden es aushalten, denn es gibt mit gutem Grund in Deutschland kein Gesinnungs- oder Weltanschauungsverbot, wie das Bundesverfassungsgericht erst Mitte Januar nochmals verdeutlichte. Mit anderen Worten: Neonazi zu sein ist nicht illegal. Nur traurig. Für die Umwelt. Die hat vor allem darunter zu leiden. Ein lustiger Zeitgenosse hat das mal auf folgende Formel gebracht: "Wenn du tot bist, weißt du nicht, dass du tot bist. Nur deine Umwelt ist traurig. Wenn du blöd bist, ist das genau das gleiche..."

 

Herr Siegmund hat mich am Mittwoch aufgeregt im Büro angerufen. Warum ich denn auf der Theater-Facebookseite posten würde, dass bei dieser Nazi-Demonstration extreme Rechte u. a. auch aus dem Spektrum der AfD nach Stendal anreisen würden? Das vermittele ja den Eindruck, als hätte die AfD mit diesem Aufmarsch etwas zu tun. "Hat sie das denn nicht?" fragte ich. "Überhaupt nicht!" lautete die Antwort. Ob ich ihn denn so zitieren dürfte, fragte ich noch. "Natürlich!" versicherte er – was ich somit getan habe. Mal sehen, ob nicht doch AfD-Wimpel geschwenkt werden werden bei der Nazidemo. Oder beim Herz-statt-Hetze-Bündnis, das ab 13:30 Uhr am Domplatz mit vielen demokratischen Vereinen, Einrichtungen und Parteien, mit Kirchenvertretern für ein friedliches Miteinander feiern und demonstrieren wird. Ob sich Herr Siegmund vielleicht sogar dort blicken lässt? Das wäre mutig! Was aber würden die Herren Höcke und Poggenburg dazu sagen? Eigentlich egal, was sie sagen würden, da sie sowieso hinterher immer alles relativieren. 

 

Viel spannender wird es sein, was unser Oberbürgermeister und Herr Gallert sagen werden. Beide, so heißt es, werden am Domplatz das Wort ergreifen. Das nenne ich eine großartige Allianz demokratischer Kräfte über parteiliche Grenzen hinweg! Das ist ein Zeichen! Lasst uns das verteidigen, was es zu verteidigen gilt: die demokratischen Grundrechte! Denn Demokratie ist nicht bloß die Diktatur der Mehrheit, oh nein! Demokratie bedeutet, dass Grundrechte für den Einzelnen aktiv einklagbar sind, dass der Rechtsstaat einen schützt, dass Menschenrechte ohne Wenn und Aber für jeden gültig sind. "Menschenrechte können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird", so die Autorin und Publizistin Carolin Emcke. Das haben einige Bürger offensichtlich noch immer nicht verstanden. Sie werden es aber lernen.

 


3.2017 / Alexander Netschajew

Geld an sich ist kein Wert. Geld ist ein Zahlungsmittel, mit dem man bestenfalls Werte schaffen kann. Was aber ist ein Wert? Und demnach wertvoll? In Zeiten wie heute, wo in den Weltmeeren Plastikinseln in der Größe ganzer Länder herumschwimmen? Wo eine Partei, deren Vorstandsmitglieder schamlos Nazivokabular verbreiten, voraussichtlich in den Deutschen Bundestag einziehen wird? Wo vor Not und Elend fliehende Menschen zu Hunderten im Mittelmeer ertrinken oder auf der mit Zäunen und Schlagstock dicht gemachten Balkanroute vor Erschöpfung zusammenbrechen? Man möchte sich hinsetzen und heulen. Tut mal gut, hilft aber nichts. "Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten!" Der Destruktivität ein fröhliches Gesicht entgegenstrecken! Den berühmten Apfelbaum Martin Luthers pflanzen!

 

In einem ihrer Blogs schreibt Gisela Widmer: "Zahlenknechte fragen stets nach der Quantifizierbarkeit; nach einem Zahlenwert. Obwohl sich das meiste – die Liebe, das Kulturelle, Emotionale, Gesellschaftliche, ja selbst Demokratie und Politik – einer messbaren Grösse entzieht. Kosten und Nutzen von Musikunterricht? Kosten und Nutzen eines Gedichts? Eines Schauspiels? Eines Museums? Trotzdem gibt es in der politischen Diskussion tatsächlich immer mehr Leute, die sich nicht entblöden, diese Frage zu stellen – ohne zu merken, wie sie sich dabei entblößen."

 

Nach dem Philosophen Richard David Precht hatte die Erfindung des Geldes zwei umwälzende Folgen. Zum einen wurde mit einem Schlag alles mit allem vergleichbar. Mit anderen Worten: Jeder konnte mit jedem handeln (was die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte nicht üblich war) und sich vernetzen, weil man alles anhand des Geldes bemessen konnte. Die gesellschaftliche Vernetzung durch den Handel mithilfe des als gültig vereinbarten Zahlungsmittels konnte über Standes- und Landesgrenzen hinweg beginnen. Und das half, den immensen Wohlstand der westlichen Welt aufzubauen, den wir derzeit genießen. Eine ähnliche Revolution der Vernetzung über alle Grenzen hinweg erleb(t)en wir gerade mit dem Internet. 

 

Zum anderen jedoch, so Precht, vernichtet das Geld alle anderen Werte. Denn da, wo das Geld regiert, gibt es keinen alternativen Wert, der nicht nach seinem vermeintlichen Geldwert bemessen werden könnte. Plakativ ausgedrückt: Alles und jede(r) hat seinen Preis und ab einer bestimmten Summe wird jeder korrupt. Und trotzdem oder gerade deswegen wächst die Sehnsucht nach alternativen, verlässlichen Werten. 

 

Ein alternativer Wert, der jetzt neu entdeckt wird und der – vom Kaiser bis zum Bettelmann – basisdemokratisch verteilt ist, ist die Zeit. Zeit ist jedoch etwas, das in unserer Ökonomie immer weiter verkürzt worden ist. Zeit im Wohlstand ist Luxus. Was aber ist Wohlstand ohne die Zeit, ihn zu genießen? Und Zeit für sich zu haben und Zeit mit den Menschen zu teilen, die einem wichtig sind, macht reich. Precht stellt die Frage, ob wir uns durch Terminkalender und Handy und ständige Erreichbarkeit weiterhin die Lebenszeit zerstückeln lassen wollen? Und ob wir wirklich mehr Zeug brauchen – oder lieber mehr Zeit? Ich habe meine Antwort gefunden.

 


1.2017 / Alexander Netschajew

Welch’ ein Omen! Da will der „mächtigste Mann der Welt“ eine Mauer bauen. Rund 3.000 km lang. Geschätzte Kosten: 20 bis 40 Milliarden US-Dollar. Warum? „America first!“ Jaja, die bösen Mexikaner. Dass die mexikanische Wirtschaft in 2016 mehr wuchs als die amerikanische – who cares? Dass in den letzten Jahren mehr Mexikaner Amerika verlassen haben als dort eingereist sind – who cares? Dass die meisten Mexikaner, die sich illegal in Amerika aufhalten, zunächst auf legalem Weg eingereist waren und erst dann untertauchten – who cares? Her mit der Mauer! America first! 

 

Ach ja... Es ist so schön, Politik zu machen, wenn man ganz nach Gefühl und anhand von alternativen Fakten handeln darf. Und all diejenigen, die es wagen aufzumucken – Lügenpresse! Oder mindestens Establishment! 

 

Lieber Leser, ist Ihnen schon aufgefallen, dass all diese Scharfmacher, Populisten und Fanatiker – egal ob sie rechts, links, religiös oder sonst-wie-fundamentalistisch geprägt sind – unter exakt denselben krankhaften Symptomen leiden? Mit Begriffen wie demokratiefeindlich, frauenfeindlich, schwulenfeindlich, rassistisch, intolerant ist diese Spezies recht passend umschrieben. Humor ist nicht unbedingt ihre Sache, jegliche Kritik wird sofort als feindlicher Akt eingestuft, und der Glaube, im Besitz der einzig ewigen Wahrheit zu sein, zieht die Mauer in den Köpfen hoch. Abschottung ist das ominöse Gebot der Stunde.

 

Von diesen Krakeelern sind wir umgeben. Man kommt sich schon direkt umzingelt vor. Aber verteidigen wir die Mitte, in der wir uns befinden! Lassen wir die Hassprediger dort stehen, wo sie hingehören: an den Rändern. Lassen Sie uns Mauern überwinden. Grenzen wir diejenigen aus, die böswillig unsere Gesellschaft spalten wollen, aber wenden wir uns denjenigen zu, die Hilfe und Orientierung brauchen. Kommen wir ins Gespräch. Und wenn es eine Diskussionsgrundlage gibt, auf die wir uns beziehen, so sei dies nicht die Bibel, nicht der Koran, nicht ein Parteiprogramm und auch kein Facebook-Post, sondern einzig und allein das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Da steht z.B. unter § 2: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“. Oder unter § 3: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

 

Und seien wir nicht missionarisch, fangen wir bei uns selber an. Der Drang, den anderen nicht so zu respektieren wie er ist, an ihm rumzudoktern, rumzuschnippeln, rumzupopeln ist allzu groß. Fangen wir bei uns und unserer Familie an. Und dann bei unseren Freunden und Bekannten. Und so weiter und so weiter, bis es jemanden geben wird, der frei nach Ronald Reagan ausruft: „Mr. Trump, tear down this wall!“

 


12.2016 / Alexander Netschajew

Eine Mutter und ihr zwölfjähriger Sohn sitzen im letzten Kriegswinter, kurz vor Weihnachten, in einer Hütte im Hürtgenwald nahe der Belgischen Grenze. Hitlers Ardennenoffensive gegen die amerikanischen Truppen tobt seit dem 16. Dezember 1944. Der Vater ist im Krieg beim „Reichsluftschutzdienst“ in Monschau. Er hatte Frau und Kind mit Lebensmittelvorräten hier untergebracht in der Hoffnung, dass der Krieg an ihnen vorüberziehen möge. Irrtum. Nun sind sie mittendrin. Trost spendet ein wärmender Ofen mit genügend Feuerholz.

 

Dann passiert es: In der Stille eines vorweihnachtlichen Abends klopft es an der Tür und drei amerikanische GIs, einer davon schwer verwundet, bitten um Einlass. Sie bitten darum, trotz ihrer Bewaffnung. Die Frau lässt sie herein, der Verwundete wird auf die Schlafstelle des Sohnes verfrachtet, bald dampft eine Suppe auf dem Herd. Die Frau spricht kein Englisch, die Amerikaner kein Deutsch. Brocken von Französisch und Handzeichen ergeben eine Kommunikation. Es kommt heraus, dass die drei von ihrer Einheit getrennt und tagelang orientierungslos durch die verschneiten Wälder gestreift sind. Endlich ein Aufenthalt im Warmen. Die Waffen und Mäntel liegen in der Ecke. Zum Vorschein kommen junge Kerle, müde und ausgezehrt.

 

Der Sohn deckt den Tisch, da klopft es wieder. Ohne lange zu überlegen geht er in den Vorraum, um zu öffnen. Es stehen wieder Soldaten vor der Tür. Diesmal vier an der Zahl. Und in deutschen Uniformen. Ihm fährt der Schrecken in alle Glieder, denn auch er weiß, was das bedeutet: Todesstrafe wegen „Begünstigung des Feindes“. Da hört er die beherzte Stimme seiner Mutter: „Sie bringen aber eine eisige Kälte mit, meine Herren! Möchten Sie mit uns essen?“ Der Unteroffizier, Anfang zwanzig, bedankt sich und nimmt die Einladung für sich und seine drei minderjährigen Schützen an. Man scheint erleichtert, im Grenzgebiet auf Deutsche gestoßen zu sein. Die Frau gibt die Tür frei und sagt: „Aber machen Sie keinen Krawall. Es sind bereits drei Halberfrorene hier, von denen droht keine Gefahr.“ Der Unteroffizier hakt sofort nach: „Wen haben Sie bei sich?“ – „Amis. Einer von ihnen ist verwundet. Beinschuss. Die anderen sind so hungrig wie ihr. Bald ist Weihnachten. Hier wird nicht geschossen. Kommt rein.“

 

Es gibt Psychologen, die sagen, es gäbe lediglich zwei Impulse, aus denen heraus der Mensch etwas tue: aus Angst oder aus Liebe. Der damals Zwölfjährige heißt Fritz Vincken, die von mir hier vorgestellte Geschichte ist tatsächlich passiert und das Wunder der Heiligen Nacht hat sich auf bewegende Weise erfüllt: Es gab kein Blutvergießen, es wurde miteinander gegessen, der Verwundete wurde versorgt, Mutter und Sohn blieben verschont. Auch 72 Jahre danach bewegt mich diese kleine große Geschichte. Was Menschen hier geleistet haben, sollte uns ein Ansporn sein. Angst oder Liebe – diese Frage stellt sich immer wieder und zu allen Zeiten...

 


11.2016 / Alexander Netschajew

Am 8. November war der Intendant bei der Sitzung des Kultur-, Sport- und Schulausschusses anwesend und trug unter dem Tagesordnungspunkt „Informationen der Verwaltung“ den Vorschlag eines Leitbildes fürs TdA vor. Das Leitbild einer Organisation formuliert kurz und prägnant ihren Auftrag, um nicht zu sagen ihre „Vision“ und definiert damit auch den ideellen Wert, für den sie steht.

 

Wozu braucht man so etwas? Nun, prinzipiell soll damit allen Beteiligten eine einheitliche Orientierung gegeben und somit die Identifikation mit – in diesem Falle – ihrem Theater unterstützt werden. Konkret geht es uns auch immer wieder um die Inanspruchnahme verschiedener Sonderförderungen. Hier kann es unter Umständen wichtig sein, dass das TdA Teil des Stadtentwicklungskonzeptes ist. Und hierfür ist eben eine offiziell festgelegte Beschreibung des Tätigkeitsfeldes des TdA notwendig.

Mein Vorschlag also lautete:

 

„Das Theater der Altmark ist ein Regiebetrieb der Hansestadt Stendal und wird zusätzlich vom Land Sachsen-Anhalt und dem Landkreis Stendal sowie dem Altmarkkreis Salzwedel gefördert. Es übernimmt als Landestheater Sachsen-Anhalt Nord die Aufgabe, das Stadtgebiet, die Altmark und ganz Sachsen-Anhalt mit zeitgenössischem und klassischem Schauspiel zu versorgen.

 

Der Spielplan behandelt aktuell brennende Themen von gesellschaftlicher Relevanz, bietet klassische und zeitgenössische Dramatik und beinhaltet ebenso Unterhaltungsformate wie musikalische Produktionen und Komödien.

 

Die Sparte ‚Junges TdA‘ bietet zusätzlich Kinder- und Jugendtheater für alle Altersgruppen an. Die Bandbreite reicht hier vom Klassiker für Jugendliche über Familienstücke mit generationsübergreifender Thematik und das Weihnachtsmärchen bis hin zu Klassenzimmer- und Kindergartenstücken.

 

Die ‚Bürgerbühne am TdA‘ bietet allen Altmärkerinnen und Altmärkern einen Raum, um sich zu gesellschaftlichen Themen auszutauschen und diese auf der Bühne mit den Mitteln des Theaters zu verhandeln.

 

Zahlreiche Kooperationen mit Bildungseinrichtungen, Vereinen, Schulen und sozialen und kulturellen Institutionen führen nicht nur zu einem Austausch und einer Vernetzung in der Stadt und der Region, sondern sorgen für eine inhaltliche Verankerung des TdA in der Bürgerschaft.

 

Das TdA begreift sich als Forum, Begegnungsstätte und Ort der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Themen der Region. Es bringt sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse ein und wirkt so identitätsstiftend und sinngebend.“

 

Die Ausschussmitglieder zeigten sich positiv beeindruckt. Und ein Mitglied der CDU faltete das Papier zusammen und gab zu Protokoll: „Wenn Herr Netschajew so lange und gründlich darüber nachgedacht hat, dann werde ich dies nun auch tun. Und zwar innerhalb meiner Fraktion.“

 

Na, dann! Auf geht’s! Ich bin gespannt.

 


10.2016 / Alexander Netschajew

Ein junger Familienvater. Auf seinem Arm der Sohn, der sich müde die Augen reibt. Neben ihm seine schwangere Frau und seine achtjährige Tochter, die sich an die Mutter drückt und ihr Gesicht verbirgt. Dies ist zu sehen auf einem der Schwarzweißfotos, die vor uns auf dem Tisch liegen. Uns gegenüber sitzt besagter junger Mann, allerdings inzwischen 35 Jahre älter und im Rentenalter angekommen. Er erzählt uns von einer Reise, die er mit seiner Familie unternehmen wollte und die sein gesamtes weiteres Leben beeinflusste. Die Reise ging von Ost nach West und endete abrupt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. „Republikflucht“ oder – wie es im Strafgesetzbuch der DDR in §213 hieß – „ungesetzlicher Grenzübertritt“.

 

Der junge Mann, der für seine Familie und sich ein besseres, weil selbstbestimmtes Leben führen wollte, riskierte und verlor alles. Familie, Beruf, Reputation. Alles, was er sich aufgebaut hatte. Und saß viele Monate dort, wo wir ihm nun gegenübersitzen: in der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit am Moritzplatz, Magdeburg. Heute Gedenkstätte. Wir, seine Zuhörer, sind allesamt vom Theater der Altmark und hängen an seinen Lippen. Er erzählt, was man ihm damals nach schlaflosen Nächten erzählte: „Sie werden Ihre Kinder nie wieder sehen. Wir werden sie zu Familien geben, wo sie die sozialistische Erziehung genießen werden, die sie bei Ihnen offensichtlich nicht bekommen. Ihre Frau wird Ihr Kind in Gefangenschaft zur Welt bringen und auch dieses Kind wird einer anderen Familie anvertraut werden. Sie selber werden viele Jahre im Gefängnis verbringen. Ihren Beruf werden Sie nicht mehr ausüben können. Ihre Frau? Nein, die werden Sie in kommender Zeit nicht sehen.“ Es ist totenstill im Raum. Wir merken, wie lebendig die Schatten der Vergangenheit sind. Und er erzählt weiter: „Wir können das aber auch anders regeln. Es gibt die Möglichkeit, dass wir Ihre Frau frei lassen, sie kann in Ihre Wohnung zurück, die Kinder kommen wieder zu ihr. Und Sie selber kommen mit einer kurzen Freiheitsstrafe davon. Aber dann müssen Sie kooperieren.“ Kooperieren heißt in diesem Zusammenhang: Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit werden. Und so wurde aus einem Opfer ein „Täter“. Und galt nach dem Mauerfall als „Täter“. Und dies hatte erneut Auswirkungen auf sein Leben. Und seine Rentenansprüche.

 

Warum interessieren wir uns vom TdA dafür? Die Proben laufen zum Stasidrama „12 heißt: Ich liebe dich“, welches auf einem authentischen Fall beruht. Und auch dieser „Fall“ ist so ungewöhnlich, so unglaublich, dass er in kein Schema passt. Und daher bis zum heutigen Tag heftig umstritten ist. Die Verfilmung mit Claudia Michelsen und Devid Striesow lief mehrfach im Fernsehen und verursachte Diskussionen. Die Uraufführung der Theaterfassung erfolgt am kommenden Freitag im TdA. Die Schatten der Vergangenheit. Sie sind lebendig und beeinflussen unsere Gesellschaft bis heute.

 


9.2016 / Alexander Netschajew

Wer hätte das gedacht? Da geht man als öffentlich gefördertes Landestheater eine Kooperation mit einem privatwirtschaftlichen Tourneeunternehmen ein – und plötzlich entsteht etwas gänzlich Unerwartetes! Und das kam so: Vor drei Jahren brachten wir am TdA die Uraufführung der Komödie mit Herz "Alles über Liebe" heraus und spielten diese tatsächlich mit großem Erfolg drei Spielzeiten lang. Die Konzertdirektion Landgraf wird darauf aufmerksam und bietet an, das Stück und die Inszenierung zu übernehmen. Natürlich – so lauten die Spielregeln des Genres – mit leicht verändertem Ensemble. Also macht sich der Intendant auf, um die Original-Inszenierung der neuen Besetzung anzupassen. Und stößt auf eine Kollegin, die er zwar längst als vorzügliche Schauspielerin aus Film und Fernsehen kannte, die aber weit mehr als nur das ist. Sie ist vor allem eine Kämpferin, wenn es darum geht, die demokratische Grundordnung zu verteidigen. Die Wahlergebnisse aus Meck-Pomm und Berlin veranlassen sie, einen Aufruf zu veröffentlichen, den in Windeseile zahlreiche Prominente aus Kultur und Wissenschaft unterzeichnen. Ich zitiere: 

 

"Angst ist menschlich und auch der Wunsch nach einer 'starken Hand', die einem wieder Sicherheit gibt und Perspektive. Stichworte wie Langzeitarbeitslosigkeit, steigende Armutsraten, Niedriglohn, Leiharbeiter und Zeitverträge verunsichern mittlerweile die Hälfte der Menschen in Deutschland und in ganz Europa existenziell. Es ist auch menschlich, nicht mehr offen sein zu können gegenüber anderen Kulturen und Religionen und Zäune zu bauen. Aber nicht akzeptabel. Denn die Geschichte hat uns gelehrt, welche politischen Monster wachsen, wenn plötzlich die Herkunft oder die Religion von kulturellen Minderheiten derart dämonisiert werden, wie es selbsternannte 'Retter des Abendlandes' tun oder die neuen ultra-rechten 'Alternativen'. (...) Es ist kaum auszuhalten, wie hemmungslos die Sprache geworden ist und wie mehrheitsfähig Islamophobie und Antisemitismus. Wie die Demokratie verhöhnt und als 'Lügenpresse' bespuckt und ausgepfiffen wird. Wir dürfen nicht zulassen, dass Hetze salonfähig wird! Deshalb müssen wir reden – gemeinsam über uns! Denn Demokratie ist Diskurs, ist Freiheit, ist Prozess, ist Zweifel, ist Mitbestimmung und Solidarität. Fertig und verschlossen sind nur Diktaturen. (...) Lasst uns reden – über alles, was uns bedrückt und ängstigt! Was uns beschämt und klein macht! So offen, so schonungslos und radikal, wie es uns drängt. In Büros und Clubs, auf Straßen und Podien – überall dort, wo Gespräche möglich sind! Und lässt dabei das Verbindende unser Ziel sein – und die Stärkung der Demokratie."*

 

Dem schließe ich mich mit ganzem Herzen an. Einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte werden die Probleme nur verstärken. Die Hysterie im Land – leider auch befeuert von Vertretern der sog. etablierten Parteien – ist dem Ernst der Lange nicht im Geringsten angemessen. Frau Demirkan tut in dieser Situation genau das Richtige. Sie hebt mahnend den Finger, damit wir innehalten und uns auf das besinnen, was uns wirklich wichtig sein sollte – die Möglichkeit uns frei und offen auszutauschen und über den gemeinsamen Diskurs einen demokratischen Weg einschlagen zu können, der die ersten Sätze unseres Grundgesetzes nicht aus dem Auge verliert: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

 

Ach, ja! "Alles über Liebe" hatte gestern mit der neuen Besetzung Premiere und ist nun auf Deutschlandtournee. 

 

*Der gesamte Wortlaut ist abzurufen unter www.renan-demirkan.de.

 


6.2016 / Alexander Netschajew

„Schultheatertage sind super!“ – So dröhnte es vergangene Woche durchs Haus. Altmärkische Schultheatergruppen präsentierten ihre Projekte. Davor erbebte das TdA bei den bisherigen Aufführungen von „Linie 1“ des Theater-Jugendclub Musical. Begeisterung pur auf der Bühne – und im Zuschauerraum.

 

Und davor der Club der Experten: Junge unbegleitete Flüchtlinge erzählen von ihren Träumen und errichten vor dem geistigen Auge der Zuhörer das „Grandhotel Altmark“. Nicht zu vergessen die Jungmärker, die bereits Ende April ihre eindringliche Performance zum Thema „Respekt!“ zeigten. Sowie der Jugendclub Schauspiel mit zeitgenössischer Dramatik „DNA“ und der Fragestellung zu Gewalt und Gruppendynamik unter Jugendlichen. Wow! Was für eine Spielfreude, welche Grenzüberschreitung! Welch‘ Erkenntnisgewinn der zuschauenden Eltern, Lehrer, Freunde: Das da ist der Sowieso? Den kenn ich so ja gar nicht!? Der geht ja aus sich raus! Der stellt sich da einfach hin und performt?! Hammer!

 

Selbiges wird uns erwarten, wenn der Club der Andersbegabten unter dem Titel „Beziehungsweise“ szenische Variationen über Liebe und Vertrauen zeigen. Und letzten Endes auch bei der abschließenden Produktion der Junggebliebenen Altmärker mit der Bühnenfassung des skandinavischen Films „Wie im Himmel“. Erstaunen, Freude am Spiel, Aus-sich-heraus-gehen, sich und seine Rolle gegen alle Widerstände verteidigen und verkörpern.

 

Gegen alle Widerstände? Aber Theaterspielen macht doch einfach nur Spaß?! Denkste. „Das Theater ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.“ Dieser schöne Satz von Max Reinhardt drückt nur die eine Seite der Medaille aus. Theater ist ein Ringen nach dem besten, wahrhaftigsten Ausdruck, alles ist darauf ausgelegt. Der Sprung auf die Bretter, die die Welt bedeuten, verlangt eiserne Disziplin: Kann ich meinen Text? Wann und wo trete ich auf? Habe ich das richtige Kostüm an? Wo sind meine Requisiten? Wieso ist das Licht so hell? Der Ton so laut? Warum husten die Zuschauer so? Warum ist mein Mund so trocken? UND WAS ZUM TEUFEL MACHE ICH HIER???

 

Ja, Theaterspielen heißt vor allem, sich auf das zu konzentrieren, was man zum Ausdruck bringen möchte und ganz bei sich zu sein. Sich nicht ablenken zu lassen. Seinen Mann bzw. seine Frau zu stehen. „Die ganze Welt ist Bühne“, sagt Shakespeare. Wir spielen ständig Rollen. Im wirklichen Leben. Ständig wechselnde Rollen, die manchmal unheimlich viel von uns verlangen. Und manchmal sind sie so schwer, dass wir glauben, es nicht durchstehen zu können.

 

Insofern ist das Auf-der-Theaterbühne-stehen auch ein Üben für die Bühne des Lebens. Versuchen Sie’s mal!

 


5.2016 / Alexander Netschajew

Manchmal schlägt man die Zeitung auf und erschrickt. Kennen Sie das? Obwohl man nichts Neues entdeckt, eher Altbekanntes. (Sein Bruttogehalt z.B. sollte man kennen, trotzdem liest man es nicht gern in einer Tageszeitung.) Dann liest man weiter und lächelt irgendwann, weil man sich ein bisschen ertappt, aber noch viel mehr verstanden fühlt. Und ein richtig gutes Zeugnis ausgestellt bekommt. Fast möchte man mit der Zunge schnalzen und pfiffig ausrufen: „Qualität hat ihren Preis!“

 

Doch Scherz beiseite. Aus dem Haupt- und Personalausschuss sollen vertrauliche Inhalte eines „schwebenden Verfahrens“ der Presse zugespielt worden sein? Das will ich nicht glauben. Jahreseinkommen von Theaterintendanten gehören nach dem Rezept von Coca Cola bestimmt zu den bestgehüteten Geheimnissen der Menschheit. Meines nun nicht mehr. Schwamm drüber.

 

Die Zeit drängt. Der Vertrag des derzeitigen Intendanten endet am 31.07.2017. Und ab Juli 2016 müssen die Gastspielpartner über den Spielplan ab Herbst 2017 informiert werden. Dieser Plan aber ist nicht Aufgabe des Intendanten, dessen Vertrag im Sommer 2017 ausläuft. Noch schlimmer wiegt, dass die Belegschaft des TdA seit der Donnerstagsausgabe in Alarmbereitschaft versetzt ist – jeder künstlerisch Arbeitende weiß, was die Stunde geschlagen hat. In Fußballsprache: Egal ob der Trainer bleibt – er steht nicht auf dem Platz und spielt. Die Mannschaft muss spielen. Und die sollte nun tunlichst vom Präsidium beruhigt werden.

 

Der verantwortliche Lokalredakteur für die Altmark weist darauf hin, dass mein Doppel-Job aus Intendanz und Geschäftsführung besteht; zwei Fulltime-Jobs, die jeweils hoch dotiert sind. Zumal machen es die aktuellen Verwaltungsstrukturen unmöglich, dass ich im eigenen Haus zusätzlich Regie führen kann. In der kommenden Spielzeit gibt es erstmals keine Netschajew-Inszenierung. Ob dies ein künstlerischer Verlust ist, darf jeder selbst entscheiden. Ein wirtschaftlicher Verlust ist es allemal, denn Inszenierungen machen sich nicht von alleine. Externe Regisseure müssen bezahlt werden. Voilà! Da haben wir sie, die „nicht in diese Zeit passende Erhöhung“. Sie findet bereits dieses Jahr statt. Aber anstatt mit mir zu reden, geht man petzen. Schade.

 

Nicht dass ich falsch verstanden werde: Ich liebe das TdA. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie das Publikum sind mir ans Herz gewachsen und ich möchte meinen Weg hier gerne fortsetzen. Aber das habe nicht ICH zu bestimmen. Und ich habe auch – in dieser Angelegenheit – keine Vorschläge zu machen. Ich bin der VertragsEMPFÄNGER, die Hansestadt Stendal ist der VertragsGEBER. Bitte sprecht mit mir über eine vernünftige Verwaltungsstruktur und steht nicht verärgert vom Tisch auf. Dazu drängt die Zeit zu sehr.

 


4.2016 / Alexander Netschajew

Ich bedanke mich beim Stadtrat der Hansestadt Stendal und bei allen vor und hinter den Kulissen Beteiligten für die Verabschiedung des Haushaltes 2016. Seit ich die Budgetbedingungen des TdA kenne, war ich mit der Quadratur des Kreises konfrontiert. Das Produktkonto „Personalkosten“ war chronisch unterfinanziert, einzelne Mitarbeiter sollten 2014 und 2015 sogar anderen Ämtern der Stadtverwaltung buchhalterisch zugeordnet werden. Mit der vorliegenden Planung sind wir in der Realität angelangt. Für den geschäftsführenden Intendanten ein erfreulicher Tag. Anfang kommender Woche tagen Kultur- und Finanzausschuss, der erste Quartalsbericht seit 2013 steht an, das Versteckspiel hat ein Ende.

 

Während also in meiner Wahlheimat die kulturpolitischen Eckpfeiler gut gesteckt sind, ereilen mich Nachrichten aus der nahen und weiten Ferne. Da wäre zum einen die Regierungsbildung in Magdeburg. Schlagzeile der letzten Tage: „Kultur ohne eigenes Ministerium“. Ob das eine gute oder schlechte Nachricht ist, bleibt abzuwarten.

 

Dauerkrisenherde in der Theaterlandschaft bleiben beispielsweise Rostock und Hagen. Daran hat man sich schon fast gewöhnt. Und jetzt plötzlich: Karlsruhe! Wumms! Dortiger Staatstheater-Generalintendant ist Peter Spuhler, der seine Karriere in den 1990ern unter Goswin Moniac in Stendal begründete. Peter ist ein glänzender Kommunikator, Netzwerkbilder und Ermöglicher im Sinne vielfältigster Theaterkunst. Die Sparpläne der klammen Kommune Karlsruhe haben ihn aber offenbar kalt erwischt. Selbst die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg Theresia Bauer appellierte eindringlich an die Stadtväter: „Kürzungen der Stadt bedeuten automatisch Kürzungen beim Landesanteil in gleicher Höhe. Dieser Grundsatz ist unverrückbar.“ Dadurch würden dem Badischen Staatstheater bis 2022 voraussichtlich rund elf Millionen Euro fehlen.

 

Mir treibt dies die Sorgenfalten auf die Stirn. Wenn selbst im satten Südwesten ein Staatstheater zu wanken droht, macht dies deutlich: Diejenigen in unserem Land, die über Wohl und Wehe eines Theaters entscheiden, haben offenbar immer weniger Ahnung, worum es eigentlich geht. Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert bildet hier eine vorbildliche Ausnahme: „Kunst und Kultur sind nicht weniger systemrelevant als das Bankensystem.“ Punkt. Im Hinblick auf die Themen, die unsere Gesellschaft aktuell umtreiben, gehe ich noch einen Schritt weiter und zitiere ohne jegliche Ironie den 2010 verstorbenen Christoph Schlingensief: „Wer den Raum der Kunst benutzen kann, wird so leicht kein Terrorist.“

 


3.2016 / Alexander Netschajew

„Ich greife nun zugegebenermaßen zu einer ungewöhnlichen Maßnahme, die ich allerdings...“ – der 60jährige, bebrillte, bärtige Mann mit Halbglatze atmet tief ein und aus, bevor er fortfährt – „...für unvermeidlich für die Würde unseres Hauses halte.“ Sein Publikum: 751 Europa-Abgeordnete, deren Gemurmel mehr und mehr verstummt. „Hier hat es heute morgen einen Zwischenfall gegeben, von dem ich glaube, dass das Europäische Parlament...“ – ein kurzes Stocken – „...nicht nicht reagieren kann.“ Doppelte Verneinung. Und um dies noch einmal zu unterstreichen fährt Martin Schulz mit hörbar innerer Anspannung fort: „Sondern zwingend reagieren muss.“

 

Der Präsident des Europäischen Parlaments zitiert dann Aussagen des Abgeordneten Eleftherios Synadinos, der während der Debatte über den EU-Türkei-Gipfel am 9. März „den Türken“ als „Barbaren“, „Schwindler“ und „Dreckskerl“ beschimpfte. Der Zitierte versucht währenddessen einen vollkommen gleichgültigen Eindruck zu vermitteln. Doch dann stellt Martin Schulz fest, dass diese Äußerungen eine „schwerwiegende Verletzung der Werte der Union“ darstellen und ordnet an, dass besagter Abgeordnete von der laufenden Sitzung ausgeschlossen wird. Dies will der Präsident „als Grundsatzentscheidung“ verstanden wissen, da er feststellt, dass in seinem Parlament systematisch versucht wird „rote Linien zu überschreiten, um den Rassismus hier salonfähig zu machen. Ich habe Ihnen gestern bereits gesagt: mit mir nicht.“

 

Applaus von den demokratischen Fraktionen. Handykameras kommen zum Einsatz, Synadinos versucht sich Gehör zu verschaffen und wird dabei unterstützt von einigen antidemokratischen Fraktionskollegen. „Herr Synadinos, bitte verlassen Sie den Saal.“ Ratlosigkeit, lautstarker Protest, der Sanktionierte rührt sich nicht. „Dann darf ich die Saaldiener bitten, Herrn Synadinos aus dem Saal zu führen.“ Als Herren in Livree sich dessen Platz nähern, bewegt sich dieser nun doch durch die Stuhlreihen und einzelne rechtsextreme Abgeordnete bezeugen ihm ihre Solidarität. Da bemerkt Martin Schulz: „Wenn Sie Herrn Synadinos begleiten möchten, kann ich Sie nicht daran hindern.“ Auf weitere lautstarke Zwischenrufe kontert der Parlamentspräsident: „Nein, es gibt über diese Anordnung keine Geschäftsordnungsdebatte. Das brauchen Sie gar nicht zu versuchen. Herr Synadinos wird im Rahmen der üblichen Verfahren angehört werden.“

 

Chapeau! So stelle ich mir wehrhafte Demokratie vor. Dieses Video – im Internet mitterweile millionenfach angeklickt – sollten sich die Landtagspräsidenten von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt als Anschauungsmaterial zu Gemüte führen. Nach den Wahlergebnissen vor einer Woche könnte diesbezüglich Arbeit auf sie zukommen.

 


2.2016 / Alexander Netschajew

Liebe Leserinnen und Leser, ich habe eine dringende Bitte: Hätten Sie nicht eine Lösung für mich? Eine einfache natürlich. Um Gottes Willen, keinen komplexen Lösungskatalog. Eine einfach strukturierte, übersichtliche, schnell nachvollziehbare Lösung à la Donald Trump. Die Lage, in der wir uns befinden, verwirrt mich nämlich. (Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!) Ich will hier in meiner Wohlstandsinsel sitzen bleiben und meine Ruhe haben. Und dieser ganze EU-Quatsch, der war ja ganz lustig mit den Gurkenkrümmungen und dem Einfach-mal-über-die-Grenze und so. Aber wenn das jetzt auch für wildfremde Nichteuropäer gilt, da hört der Spaß auf! Grenzen dicht, Fenster zu, Häfen schließen! 

 

Apropos Häfen, habe Sie das gehört? In 35 Jahren befindet sich mehr Plastik in den Weltmeeren als Fische. Ja, wer schmeißt denn da Plastik rein? Und dann kommt das wohlmöglich irgendwann auch noch zu uns? Nein-nein: Häfen schließen! Und all mein schönes Sushi wächst gefälligst fortan auf deutschen Bäumen und die Sonne dreht sich wieder um die Erde. Genau! Kehren wir zum Weltbild von 1616 zurück, als die Kirche noch was zu sagen hatte und Galilei den Prozess machte! 

 

Apropos Kirche, die ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Vor 400 Jahren Inquisition, die letzten Jahrzehnte Kindesmissbrauch – und heute? Heute stellt sich dieser Kardinal Marx vor die Kamera und schwadroniert: „Wenn wir Menschen in Not an unseren Grenzen sterben lassen, dann pfeife ich auf christliche Identität. Christliche Identität bedeutet als erstes, dem Nächsten zu begegnen, der schwach ist. Sonst habe ich irgendetwas falsch verstanden im Evangelium. Jeder Mensch ist Kind Gottes, ob schwarz oder weiß, Moslem oder Christ. Jeder ist Kind Gottes.“

 

Toll, da könnte ich gleich schreiben, dass die unübersichtliche Komplexität der heutigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gemengelage eine Riesenherausforderung für alle Bürger und erst recht für alle Entscheidungsträger ist. Dass der Wunsch der Volksseele nach einfachen Lösungen die Parteien und ihre Akteure nicht vor sich hertreiben darf und man als verantwortlich Handelnder unbeeindruckt bleiben sollte von den Angstmachern und Krakeelern. Aber damit gewinne ich keinen Wahlkampf. 

 

Wie, ich stehe gar nicht zur Wahl? Oh doch, als Theaterleiter ist man immer im Wahlkampf, glauben Sie mir. Für das eigene Haus. Für das, wofür man seinen Arbeitsauftrag einst vom Stadtrat bekam. Das hört niemals auf. Und da ist es immer gut, eine „einfache Lösung“ im Ärmel zu haben.

 

Also? Wenn Ihnen eine einfällt, schreiben Sie mir. Ich bin um jeden Hinweis dankbar.

 


1.2016 / Alexander Netschajew

Wenn es zwischen den Staaten der EU keine Solidarität mehr gibt, was sind die europäischen Werte dann noch wert?

Wenn es in Deutschland eine „Obergrenze“ für Flüchtlinge gibt, gilt dann das deutsche Grundgesetz nur für die Flüchtlinge, die rechtzeitig hier sind und für die anderen nicht?

Wenn auch in Deutschland wieder Grenzkontrollen eingeführt werden, verteidigen wir unsere Grenzen ggf. nur mit Stacheldraht? Oder bauen wir eine Mauer?

Wenn da dann Leute darüber klettern, setzen wir nur Knüppel und Wasserwerfer ein? Oder auch das Militär?

Hat jeder Mensch das Recht auf ein besseres Leben?

Warum besitzen die 62 „superreichsten“ Menschen genau so viel Geld wie die ärmere Hälfte der gesamten Weltbevölkerung?

Warum gelten in unserer Gesellschaft die Worte „behindert“, „schwul“ und „Gutmensch“ als Schimpfworte?

Warum hören wir so viel über die Übergriffe in Köln und so wenig über die 924 Angriffe auf Flüchtlingsheime?

Wieso fordern Politiker nach der Kölner Silvesternacht, dass es in Deutschland „keine rechtsfreien Räume“ geben dürfe, anstatt dafür zu sorgen, dass es genügend gut ausgebildete Polizisten gibt?

Warum will man frauenfeindlich handelnde asylsuchende Männer nicht bei uns einsperren, sondern rigoros in ihre Heimatländer abschieben? Gibt es dort keine Frauen?

Warum werfen Flugzeuge über Syrien hauptsächlich Bomben ab, statt Bücher und Brot?

Warum ist es so viel leichter Panzer zu bauen statt Schulen?

Ist das Boot voll?

Ist es wirklich voll und werfen wir in Deutschland deswegen 313 Kilo Lebensmittel über Bord, sprich: in den Müll? (Nicht pro Tag, sondern pro Sekunde.)

Warum haben sich Deutschlands Rüstungsexporte in die arabischen und nordafrikanischen Staaten mehr als verdoppelt und wieso fragen wir uns gleichzeitig, warum Flüchtlinge zu uns kommen?

Wenn bisher 1 mutmaßlicher syrischer IS-Kämpfer in Deutschland aufgegriffen wurde, nachweislich aber über 700 deutsche Staatsbürger in Syrien den „Islamischen Staat“ unterstützen, dann trägt hauptsächlich welcher Staat den Terror in den anderen?

Die deutschen Steuerzahler haben insgesamt 236 Milliarden Euro für notleidende Banken bezahlt; wie viel wird man für notleidende Menschen bereit sein zur Verfügung zu stellen?

Wenn die Leute der Partei „Die Rechte“, die vor einer Woche in Stendal aufmarschierten, in Deutschland einmal das Sagen haben sollten, wie viele Deutsche wird es dann geben, die aus ihrer Heimat fliehen werden?

 


11.2015 / Alexander Netschajew

Facebook. Süße Katzenvideos, belanglose oder eitle Selbstdarstellungen, interessante oder weniger interessante Artikel – alles dies findet man und natürlich noch viel mehr. Seltener dagegen sind original verfasste Statements von persönlicher Schlagkraft, die einen ins Mark treffen. Gestern traf mich ein solches Posting von Alexander Krampe, einem in Bayern ansässigen, wortgewaltigen Musiker, Komponisten und Arrangeur. Er berichtet darin von einer kleinen Reise von Wien über den Böhmer- und Bayerischen Wald nach München – und einem kurzen Blickwechsel zwischen ihm und einem ihm unbekannten, etwa fünfzigjährigen Mann aus dem Auffanglager in Wegscheid. Die Assoziationskette, die diese flüchtige Begegnung in ihm auslöst, bringt ihn zu einem grundsätzlichen Gedankengang über Glück, welches in unterschiedlichen Graden auf der Welt verteilt zu sein scheint. Diesen Gedankengang möchte ich hier „teilen“, um im Facebook-Jargon zu bleiben. Ich zitiere Alexander also im Folgenden und tue dies mit seiner Einwilligung:

 

„Mein Glück, das mich in einem sicheren, von Wohlstand gekennzeichneten Land geboren werden ließ, in welchem mir eine gute Ausbildung zuteil wurde; in dem ich ein weitgehend sorgenfreies, von Luxus und Annehmlichkeit gekennzeichnetes Leben führen darf; in dem es mir möglich ist, Interessen und Talente zu leben und damit eine Existenz zu gestalten. Alles das ist ein unerhörtes Privileg, auf das es weder Garantie noch Anrecht gibt.

 

Ich verstehe, dass nicht alle Menschen auf der Welt, die solches Glück nicht haben, hier leben können, weil dies ab irgendeinem Punkt ein Chaos produzieren würde, mit dem dann niemandem mehr geholfen wäre. Allerdings ist dieser Punkt noch lange, sehr lange nicht erreicht. Ja er ist noch nicht einmal in Sicht.

 

Weil wir soviel Glück hatten und noch immer haben, sind wir auch verpflichtet, jene zu verstehen und jenen entgegen zu gehen, die davon sehr weit entfernt sind. Wir dürfen dabei gerne die Stabilität unserer Regionen im Auge behalten. Die darin enthaltenen Spielräume sind allerdings noch bei weitem nicht ausgeschöpft. (...) Unsere Stellung, unser Status und unsere Geschichte zeigen überdeutlich, dass WIR es sind, die beweisen können, wie Stabilität und Offenheit in einer Gesellschaft gelebt werden können. (...) Stolz und froh bin ich, in diesem Land leben zu können. Und noch stolzer bin ich darauf, dass diese Erfahrung auch Menschen zuteil wird, die sich im Grunde nur Ähnliches von dem wünschen, was wir alle längst haben.“

 

Volltreffer, finden Sie nicht auch? Etwas weniger Hysterie und etwas mehr Demut stünden uns gut zu Gesicht. Und das Ernst-nehmen von christlichen Werten zum Beginn der Adventszeit.



10.2015 / Alexander Netschajew

So, nun ist es soweit. Durch die Straßen der Hansestadt Stendal werden besorgte Patrioten laufen und die Rettung des Abendlandes proklamieren. Und andere, wie z.B. meine Wenigkeit, werden vor diesen selbsternannten Rettern warnen. Am Sonntag um 14 Uhr treffen wir uns an der Sperlings-Ida. Alle demokratischen Parteien sind vertreten, zahlreiche Vereine und Initiativen und hoffentlich viele, viele ganz normale Bürger, die nicht zu einfachen Lösungen greifen und eine bestimmte Gruppe von Menschen für vielschichtige, teilweise diffuse Befürchtungen als Sündenbock, Projektion und Zielscheibe ausgemachen. Der Hinweis sei erlaubt: Zu Risiken und Nebenwirkungen von Naziaufmärschen lesen Sie ein Geschichtsbuch oder befragen Sie Ihre Großeltern.

 

Dass der deutsche Staat endlich entschlossen gegen rechte Gewalt und rechten Terror vorgehen will, ist überfällig. Bis Ende September, so das Bundesjustizministerium, habe es in diesem Jahr 461 Straftaten mit einem mutmaßlich rechten Hintergrund gegeben. Damit hat sich die Zahl der registrierten Straftaten von Rechts gegenüber dem gesamten Jahr 2014 mehr als verdoppelt. „Der Anstieg von fremdenfeindlicher Gewalt ist beschämend für unser Land“, sagte Justizminister Maas diese Woche. Wer Straftaten gegen Flüchtlinge, Polizisten oder Helfer begehe, müsse mit der ganzen Härte des Rechtsstaats rechnen. „Hass, Bedrohung und Gewalt müssen alle Demokraten gemeinsam entschieden entgegen treten“, so Maas. Gut so, denn die Demokratie ist ein verletzliches Gut, welches es zu verteidigen gilt.

 

Das kann aber nur die eine Seite der Medaille sein. Ich wünsche mir auch, dass Politiker aller demokratischer Parteien – und aller Parlamente! – jetzt auf die Bürger zugehen und mit ihnen ins Gespräch kommen, begründen, diskutieren, aufklären und nicht abkanzeln, zurechtweisen und den Bürger nur verwalten, weil sie ihn letztendlich als Konsumenten oder potenziellen Wähler betrachten, den es zu gewinnen gilt.

 

Ich wünsche mir darüber hinaus in der jetzigen Situation Politiker, die vor Ort präsent sind und anpacken. Die entschlossen im Sinne unserer Grundwerte handeln und die den Bürgern ihre Politik erklären. Raus aus den Parlamenten und Amtsstuben, hin zum Bürger, denn der braucht euch jetzt!

 

Ich wünsche mir besonnenes und kluges Handeln in der derzeitigen Lage, operatives Management in der Flüchtlingsfrage, keine Hysterie, keine Notwehrrhetorik wie sie letztens in Bayern erklang. Ich wünsche mir verantwortungsvolles, pragmatisches und entschiedenes Handeln mit ethisch hochwertigem Maßstab. Und dieser Maßstab kann nur das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sein.



9.2015 / Alexander Netschajew

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Diese Sätze kennt jeder. Paragraph 1, Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes. Jeder sollte sie zumindest kennen, der deutscher Staatsbürger ist. Und im Idealfall als Spielregel Nr. 1 akzeptieren. Dem ist leider nicht so. Dies zeigt auch die bodenlose Borniertheit, die sich derzeit auf unserer Facebookseite breitmacht. Auf den Post, der auf den von Theater und Hochschule gleichermaßen initiierten und für den 30. September um 16 Uhr in der Breiten Straße angekündigten Flashmob hinweist, um Solidarität mit den auch in der Altmark ankommenden Flüchtlingen zu bekunden, hagelte es bösartige und strunzdumme Kommentare, die von Ahnungslosigkeit, Engherzigkeit, mangelndem Selbstbewusstsein und fehlendem Respekt gegenüber jeglicher menschlichen Geste zeugen. Dies ist traurig, aber glücklicherweise gibt es ein Vielfaches an ehrenamtlichen Initiativen, an Zuspruch und beherzt auftretendem bürgerschaftlichem Engagement!

 

Weltweit sind etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Eine Million davon wird voraussichtlich in Deutschland einen Asylantrag stellen. Werden diese alle angenommen, kommen auf 1.000 Einwohner etwa 12 Asylbewerber; derzeit sind es drei. In Schweden sind es neun, in der Türkei 21, im Libanon 232. Voraussichtlich werden in 2015 rund 10 Milliarden Euro für die Flüchtlinge ausgegeben. Der Bundeshaushalt zählt über 300 Milliarden Euro.

 

Außerdem überaltert die deutsche Gesellschaft, das Rentensystem droht zusammenzubrechen. Und die Wirtschaft? Daimlerchef Dieter Zetsche: „Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir doch. (…) Sie können uns – ähnlich wie vor Jahrzehnten die Gastarbeiter – helfen, unseren Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vermehren.“ Tatsächlich zahlen Zuwanderer im Durchschnitt 3.300 Euro mehr an Steuern und Sozialabgaben als für Sie ausgegeben werden.

 

Es gibt also durchaus rationale Gründe, die bei uns ankommenden Menschen gastfreundlich zu empfangen und schleunig zu integrieren. Dass Horst Seehofer in dieser Situation den ungarischen Staatschef Viktor Orban zur Klausurtagung ins Kloster Banz eingeladen hat, hätte Sinn gemacht, wenn er den selbsternannten „Grenzschutzkapitän“ ordentlich ins Gebet genommen und als Vorsitzender einer C-Partei das Matthäusevangelium um die Ohren gehauen hätte: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war hungrig und ihr habt mir zu trinken gegeben. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Oder Seehofer hätte ihm einfach den Paragraphen 1, Abs.2 des deutschen Grundgesetzes vorgetragen: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“



6.2015 / Alexander Netschajew

Es gäbe ja so dankbare Themen für eine Kolumne: der Besuch der Queen, der prachtvolle Sommer, die heroische Rettung Griechenlands. (Oder handelt es sich hierbei nur um die Rettung des Euro? Aber scheitert der Euro, scheitert doch sogar Europa...?) Aber, lieber Leser, einmal muss ein Kolumnist tun, was ein Kolumnist tun muss. Nämlich ein existenzielles Thema ansprechen, welches – wären wir im Fernsehen – die Quote in den Keller drückte. Darum will ich Sie behutsam dorthin führen.

 

Kennen Sie Grafenrheinfeld? Naja, das kleine Städtchen am Main in der Nähe Schweinfurts kenne Sie höchstwahrscheinlich nicht, wohl aber haben Sie ab und an davon gehört, dass sich dort ein Kernkraftwerk befindet? Nun, dieses KKW wird heute abgeschaltet. Energiewende. Von Rot-Grün einst beschlossen, von Schwarz-Gelb rückgängig gemacht, von Fukoshima wieder aktualisiert. Schön! Als umweltbewusster Bürger nicke ich und sage: es geht voran! Doch machen wir uns nichts vor: was bleibt, ist der Atommüll. Und der bleibt nicht nur für die nächsten Jahrzehnte, nein, der bleibt für immer. Er strahlt in tödlicher Stärke etwa zehn Millionen Jahre.

 

Wie bitte? Jahrmillionen? Dies liege, so der Geschäftsführer der Kerntechnikfirma Nuklear-Services GMS, Holger Bröskamp, „im Grenzbereich des menschlichen Erkenntnisvermögens“. Ach, was?! Die Endlager-Kommission des Deutschen Bundestags sucht aber seit geraumer Zeit nach einem Endlager in Ton oder Salz, Granit oder Gneis, welches für eine Million Jahre den Müll sicher vor „künftigen Zivilisationen“ verschließt. (Zur Erinnerung: den Homo sapiens gibt es erst seit etwa 100.000 bis 200.000 Jahre.)

 

Oje, wie ist sie doch in Hochform, die menschliche Hybris. Daher schreibe ich nun hier schwarz auf weiß, damit niemand sagen kann, ich hätte nichts gesagt: Bitte, denkt über ein Kurzzeit-Endlager nach, wie es z.B. der Geoforscher Frank Schilling vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), ein Fachmann für Umweltrisiken seit Jahren fordert. Ein Endlager, wo der Atommüll in Castoren sicher verpackt, rückholbar eingelagert werden kann. Der Mensch kann Bauwerke errichten, die auch in ein-, zweihundert Jahren noch stehen und wenigstens für diese Zeit Sicherheit bieten. Verabschiedet euch von Ewigkeitsträumereien. Denkt an die unmittelbar nachwachsenden Generationen und handelt verantwortlich. Zumal ein solches Ewigkeitsendlager zu finden, dauert noch viele Jahrzehnte. Ich zitiere Frank Schilling: „Lieber rasch ein sicheres Endlager auf Zeit  als bis auf Weiteres eine unsichere überirdische Zwischenlagerung.“

 

So. Ich hab’s gesagt. Ich hoffe Diskussionen. Danke.

 

5.2015 / Alexander Netschajew


Die Feiertage erwärmen unser Herz. Das Wetter hoffentlich auch. Wir erfreuen uns an der Entschleunigung, haben endlich Zeit für etwas anderes. Gehen vielleicht mal wieder ins Theater? (Am Sonntag läuft „Iphigenie“ zum letzten Mal, am Pfingstmontag die „Maske in Blau“.) Oder wir lassen alle Viere grade sein und genießen die Stille des Augenblicks? Nehmen uns Zeit für uns und/oder die Menschen, die uns wichtig sind? Wie dem auch sei – lasst uns einen Moment innehalten und über das Leben nachdenken. Hamsterrad, stehe still! Und, Freizeitstress, sei fern! Ein paar Augenblicke der Achtsamkeit gegen uns selbst seien uns nun gegönnt…

 

„Das Leben leben, kann man nur vorwärts. Das Leben verstehen nur rückwärts.“ sagte einmal ein weiser Mensch. Damit ich aber nicht zu salbungsvoll werde, behelfe ich mich im Folgenden einer kleinen Geschichte, einem buddhistischen Gleichnis aus China. 

 

Ein armer Bauer besaß für seine Feldarbeit ein Pferd, das war sein ganzer Reichtum. Doch dieses Pferd lief ihm eines Tages davon und ward nicht mehr gesehen. Die anderen aus dem Dorf bedauerten ihn. „Was für ein Unglück!“ riefen sie dem Bauern zu. Der aber schwieg. Und als eines Morgens das Pferd samt einer kleinen Herde Wildpferde vor des armen Bauern Haus stand, beglückwünschten ihn die Nachbarn und riefen: „Welch ein Glück du doch hast!“ Er, der Bauer, aber schwieg. Die Monate vergingen und sein halbwüchsiger Sohn wollte eines der Wildpferde zähmen. Dieses aber warf ihn ab und der Sohn brach sich ein Bein und hinkte fortan. Da hieß es wieder: „So ein Unglück!“ Und der Bauer schwieg und gab nur zur Antwort: „Glück? Unglück? Wer weiß…“ Da brach Krieg aus und die Offiziere kamen in das Dorf und zogen alle jungen Männer in die Armee ein, die sie finden konnten; den hinkenden Sohn des Bauern aber ließen sie zurück. Und der alte Bauer schwieg auf die Gratulationen seiner Nachbarn und Freunde und murmelte nur fast unhörbar: „Glück? Unglück? Wer weiß…“

 

Ich wünsche Ihnen schöne Pfingsttage im Kreise Ihrer Lieben! Gönnen Sie sich etwas, was Sie sonst glauben sich nicht gönnen zu können. 

 


4.2015 / Alexander Netschajew

Es gibt – verzeihen Sie den Ausdruck – Arschlochkinder. Das sind die lieben Kleinen, die gar nicht lieb sind, sich aufführen wie Miniterroristen, plärren, wenn sie was nicht kriegen und die stets so tun, als seien sie der Mittelpunkt des Universums. Verwöhnt, keine Kompromissfähigkeit, ich-ich-ich und dann kommt lange nichts. Nicht schön. Doch was denken Sie über die Eltern dieser Kinder? „Beim nächsten Mal Kondome benutzen!“ wäre ein zynischer Ratschlag. Eine freundlich-ironische Note hätte der Zuruf: „Euer Trost im Alter? Mitnichten! Ihr erreicht es nur früher!“ Nah an der Wirklichkeit wäre aber wahrscheinlich die Vermutung: „Die haben was bei ihren Knirpsen versäumt. Zu wenig Zuwendung, zu wenig echte Aufmerksamkeit für den Nachwuchs.“ 

Am 4. April brannte in Tröglitz das Haus, welches Flüchtlinge aufnehmen sollte. In jenem Tröglitz, wo der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth zurücktrat, weil er um die Sicherheit seiner Familie fürchtete. Wo der amtierende Landrat Götz Ulrich Morddrohungen gegen sich und seine Familie erhielt. Wo Rechtsextreme gegen die Unterbringung von Asylbewerbern und ein deutlicher Teil der Tröglitzer gegen Gewalt und für eine Willkommenskultur demonstrierten. Die Politik gibt sich über den feigen Brandanschlag schockiert. Von einer „Schande für Deutschland“ spricht der Außenminister, Ministerpräsident Haseloff setzt noch einen drauf und sagt „Tröglitz ist überall!“. Lokal- und Landespolitik wollen offensichtlich nicht wieder einknicken, wie in den 1990er-Jahren. Asylbewerber sollen kommen. Nach Tröglitz zumindest zehn, statt wie ursprünglich geplant 60.

Nun komm ich auf die A****lochkinder zurück. Wenn ich denen nichts biete, was mit Werten des Zusammenlebens zu tun hat, dann darf ich mich nicht wundern. Wenn ich in Bildung (vom Kindergartenalter aufwärts!), in Demokratieverständnis, Kunst und Kultur, Sport und Jugendaktivitäten zu wenig investiere und ich Menschen übergehe und nicht „mitnehme“, darf ich mich nicht wundern, wenn sie plärren und beißen wie unerzogene Kinder. Ich kann doch auch als Elternteil mich nicht vor notwendigen pädagogischen Maßnahmen drücken und mich dann vorwurfsvoll an meinen Nachwuchs wenden: „Jetzt benehmt euch mal anständig!“

Das Satiremagazin TITANIC hatte Ende der 1980er Jahre diesen Vorgang auf einem ganz anderen Gebiet auf den Punkt gebracht. Damals ging es um Umweltzerstörung, die durch den Sauren Regen verursacht wurde. Die TITANIC titelte: „Unglaublich! Bonn rettet den Wald!“ Und an einem Baum sah man das angenagelte Schild: „Waldsterben verboten! (Die Bundesregierung)“



3.2015 / Alexander Netschajew

Vor ein paar Tagen kassierte das Bundesverfassungsgericht ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen an deutschen Schulen. Die Reaktion war und ist zweigeteilt. Viel Zustimmung, aber auch Empörung, z.B. seitens der CSU. Generalsekretär Andreas Scheuer: "In jedem Fall werden wir in Bayern alle gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpfen, damit das Christentum bei uns in Bayern privilegiert bleibt und weiterhin das prägende Wertefundament für unsere Gesellschaft ist.“ Hallo? Schon mal was vom Grundgesetz, Artikel 4 gehört? „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ Und überhaupt: Worüber regen wir uns auf? Über die Tatsache, dass es in Deutschland zu wenig Lehrer gibt? Zu wenig Polizisten? Zu wenig Krankenschwestern? Zu wenig Pflegepersonal? Darüber sollte die politische Klasse sich mal empören und endlich handeln, als die Zukunft unserer Kinder zu verspielen. Kopftücher. Dass ich nicht lache! Kopftücher? Da schreit man gerne Skandal! Weil das ist ja ein so schön emotional besetztes Thema. Wählerstimmen fangen, anstatt aufzuklären. Heiße Luft bewegen, anstatt etwas wirklich Wichtiges in Angriff zu nehmen.

 

Ich will nicht bestreiten, dass es eine Minderheit von Muslimen gibt, die sich nicht integrieren wollen. Aber verzeihen Sie: Eine nicht-integrierfähige Minderheit gibt es unter den Biodeutschen auch. Und wenn Nazis im südlichen Sachsen-Anhalt gegen die geplante Aufnahme von 40 Flüchtlingen demonstrieren und ein hochmotivierter ehrenamtlicher – christlicher! – Bürgermeister sich nicht mehr sicher fühlt, weil die Institutionen nicht imstande oder Willens sind, für seine Sicherheit und die seiner Familie zu sorgen – dann sind alle erstaunt und setzen das Betroffenheitsgesicht auf. Und reflexartig werden Versprechungen gemacht, die Ehrenamtlichen ab sofort besser schützen zu wollen. 

 

Das alles ist beschämend im 70sten Jahr nach der Befreiung von Auschwitz. Braune Horden pöbeln herum, rechte Gewalt wird vom Verfassungsschutz, naja, sagen wir mal „nicht verhindert“. Und die Politik drückt sich vor der Arbeit. Manchmal fehlen mir wirklich die Worte. Vielleicht noch ein Hinweis: Der wahre Christ handelt wie ein Christ und quatscht nicht nur davon, dass er das Abendland rettet. In Bildung und politische Aufklärung zu investieren wäre der beste Schutz der Demokratie.

 


11.2014 / Alexander Netschajew

Es ist zwar schon alles gesagt worden, aber noch nicht von einem jeden, würde Karl Valentin denken, wenn ich jetzt vom 9. November anfange. Aber ich will mich darin auch gar nicht erschöpfen. Nur erwähnen, dass – ja, ja, tatsächlich – auch ich die Wende als damals politisch zu denken anfangender Schauspielschüler hellwach verfolgte. Die Montagsdemos, die Massenflucht über Prag, die Hilflosigkeit der alten Männer, die Kundgebung auf dem Alexanderplatz... Wie ich Brechts Zeilen stets auf den Lippen hatte: „...es wechseln die Zeiten, die riesigen Pläne der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne, es wechseln die Zeiten, da hilft kein’ Gewalt...“ Und wie auch ich als Mauerspecht am Brandenburger Tor unterwegs war...

 

Dann die Irritation jetzt im Jubiläumsjahr: Die Kreuze, die an die Mauertoten erinnern sollen, wurden entwendet. Wer macht denn so was? Künstler. Menschen, die kein Sakrileg begangen haben, denn die Kreuze an sich sind nicht geweiht. Und es ist kein Verbrechen, diese Kreuze zu entwenden, damit man sich ihrer (und damit derer, an die sie erinnern) erinnert. Denn da war doch was? Da gab es doch Verbrechen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, durch die Menschen, die frei sein wollten, zu Tode kamen? Und selbstverständlich gab es auch innerhalb dieser engen DDR-Grenzen ein menschlich „normales“ Leben. Das herrschende politische System jedoch ist zweifellos willkürlich und gewalttätig zu nennen und wehe dem, der damals in seine Mühlen geriet.

 

Doch zurück zu den entfernten Objekten der Gedenkstätte für die Mauertoten. Die gingen auf Reisen. An die Grenze der EU. Da gibt es nämlich auch Grenzanlagen. Nicht aus Beton, aber aus unüberwindlichen, meterhohen und kilometerlangen Zäunen. Und es gibt das Mittelmeer, in dem regelmäßig dutzende, hunderte Menschen ertrinken. Das wissen wir, wollen aber nichts davon hören. Das wissen auch unsere Politiker, wollen aber nichts dagegen tun. Das stört. Wir haben doch selber genug Probleme. Das kostet ja auch viel zu viel. Außerdem sind das Wirtschaftsflüchtlinge. Da gibt es keine politische Verfolgung, Folter oder Krieg, nein! Und überhaupt hinkt der Vergleich! Erstens: Die Grenzanlagen der DDR hinderten ihre Bürger rauszukommen; Frontex, die Agentur der EU für die Sicherung ihrer Grenzanlagen, hindert Nicht-EU-Bürger reinzukommen. Zweitens: An der deutsch-deutschen Grenze gab es insgesamt 872 Tote, an den EU-Grenzen mindestens 23.000 in den letzten 14 Jahren. Und drittens: Die DDR war ein Unrechtsstaat. Die Europäische Union ist Friedensnobelpreisträger. 

 


10.2014 / Alexander Netschajew

Alle Jahre wieder! Vor zwei Jahren italienisch: Pinocchio. Letztes Jahr dänisch: Die Schneekönigin. Dieses Mal deutsch: Hänsel und Gretel. Theater für große und kleine Kinder in einer liebevollen Fassung für Schau- und Puppenspiel, mit viel Musik und Ausstattung. 

 

Kinder- und Jugendtheater wird traditionell am TdA großgeschrieben. Unter den jährlich rund 30.000 Zuschauern am Standort Stendal waren weit über 13.000 Kinder und Jugendliche. Und die Hansestadt unterstützt dies mit eisern niedrigen Eintrittspreisen: Kinder zahlen für Kindertheater seit Jahren 3,50 Euro. Ein deutliches Indiz für die Familienfreundlichkeit Stendals, angestrebte Zertifizierung hin oder her! 

 

Apropos FAMILIEN, unser aktuelles Spielzeitthema: Märchencafé, Theaterfrühstück, Familiengeschichten und der gesamte Spielplan kreist um die „Keimzelle der Gesellschaft“. Ein auf den zweiten Blick nicht ganz ungefährliches Thema, denn die Familienstrukturen sind in Bewegung gekommen. Erbitterte Diskussionen zeugen von verschobenen Rollenbildern und vielschichtigen Formen des Zusammenlebens. Auch „Hänsel und Gretel“ erzählt erst einmal die Geschichte einer zerbrechenden Familie, denn ein Elternpaar, das seine Kinder im Wald aussetzt...? Hui! Zum Glück kann geschwisterliche Liebe und Treue viel Unglück verhindern und alles zu einem guten Ende führen.

 

Doch wenn wir über das Angebot für Kinder und Jugendliche am TdA sprechen, darf in diesem Zusammenhang eines nicht vergessen werden: die Theaterpädagogik. Jene Disziplin, hinter der sich so viel versteckt, was unser Theater belebt und die Brücke zum jungen Publikum schlägt: Vermittlungsarbeit, Workshops, Spielclubs wie die Theaterjugend oder der Theaterchor oder sonst eines der sechs (!) weiteren Laienensembles, die wiederum unter dem Label „Bürgerbühne“ zusammengefasst sind. Ja, die Theaterpädagogik ist eine wichtige Säule des Theaters und ein wachsendes Betätigungsfeld. Nicht nur in Stendal: anlässlich der von Kultusminister Dorgerloh zusammengerufenen und vor wenigen Tagen in Stendal stattgefundenen Intendantenkonferenz äußerten sich alle anwesenden Kollegen: mehr Theaterpädagogen braucht das Land! Es ist ganz offensichtlich, wie wachsend dieser „Markt“ und wie förderlich dieser Bereich für das ist, was das Theater ausmacht bzw. wofür es da ist: den Spielplan, die Aufführungen. 

 


9.2014 / Alexander Netschajew

Lorenzo, der Mönch, der Romeo und Julia heimlich traut, ist gleichzeitig Philosoph und Botaniker. Er kennt seine Heilpflanzen und Giftkräuter ebenso gut, wie die menschliche Seele: „Zwei Könige führen immer Krieg und Streit / In Mensch und Kraut: Güte und Grausamkeit.“ Wohl wahr! So heißt es heute Abend auf der Bühne des TdA. Und so hat es auch das TdA „am eigenen Leib“ just erfahren. Denn am 13. September partizipierten wir in angenehmster Weise vom in Stendal durchgeführten Freiwilligentag! Auf unserem verwilderten Hinterhof waren von unserem Förderkreis im Vorfeld Baumaterialien wie Sand und Pflastersteine, aber auch Erde und Blumen bereitgestellt worden, der Bauhof hatte Schutt und überschüssigen Kies ausgebaggert und abtransportiert – und dann wurde losgelegt! Während wir im Großen Haus uns fiebrig auf die abends stattfindende Spielplanrevue vorbereiteten, schaufelten, schleppten, buddelten draußen bei Wind und Regen zahlreiche Freiwillige: Männlein, Weiblein, Jung und Alt! Der TdA-Hinterhof mit dem grandiosen Ritter-Roland-Graffiti von Michael Braune avanciert damit nun unaufhaltsam zur Schokoladenseite des Theatergebäudes! Ein herzliches Dankeschön an alle Helfer!! Und an die eigene Belegschaft aus der Technik, die hinterher das vollendete, was an diesem 13ten begonnen wurde! Danke!


Aber gestern dann die hässliche Seite der Gebäudeverschönerung: in den sowieso bereits abblätternden Lack unserer beiden Säulen am Haupteingang wurden über Nacht mehrere Hakenkreuze eingeritzt. Und das noch dermaßen dilettantisch, dass der „Führer“ dieser armen, verirrten Seelen bestimmt einen seiner legendären Tobsuchtsanfälle bekommen und die Möchtegernkünstler sofort exekutieren lassen hätte. Da stimmte ja nix! Und dabei sind Hakenkreuze geometrisch nicht sooo eine große Herausforderung. Aber weder Winkel, noch Richtung der Haken waren einheitlich oder korrekt. Arme Neonaziszene! Wenn das dein intellektuelles Niveau ist, dann ist mir um Deutschland nicht bang. So dumm ist der Bürger nicht. Vielleicht hätten wir die Ritzereien nicht abschleifen sollen? Quasi als mahnendes Beispiel für unser Publikum vor schleichender Verblödung in der rechten Szene? Bekanntlich heißt es bei Shakespeare: „Denn nichts auf Erden ist so nutzlos schlecht, / Dass es der Erd‘ nicht auch sein Gutes brächt‘!“ Lorenzos Wort in Gottes Ohr. Wir sehen uns!



7.2014 / Alexander Netschajew

Ist es mal wieder an der Zeit, einen Brecht auf die Bühne zu bringen? Zum Beispiel den „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“, jene Parabel über den Weg Hitlers in die Reichskanzlei? Am Ende des schauerlichen Gangsterspektakels resümiert der Dichter: „So was hätt einmal fast die Welt regiert! / Die Völker wurden seiner Herr, jedoch / Daß keiner uns zu früh da triumphiert – / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

 

Am 25. Mai wählten die Bürger der westlichen Altmark einen neuen Kreistag. Auf einem der 48 Sitze hat nun ein Mann der NPD Platz genommen. Eine Partei, deren Legitimität seit Jahren diskutiert wird und die mit einfachen Parolen ihre Schwarz-Weiß-Phrasen in die Welt hinauskrakeelt. Wir, die wir uns zur demokratischen Ordnung bekennen, wissen, dass Demokratie manchmal anstrengend und kompliziert ist – weil die Wirklichkeit eben auch manchmal anstrengend und kompliziert ist. Sachverhalte komplex darzustellen geht nicht auf so einfach gestrickte Weise, wie es das rechtsextreme Denken erlaubt – wenn man von Denken überhaupt sprechen kann. Und hier komme ich zum Punkt:

 

Ja, Theater ist manchmal auch anstrengend und kompliziert, zumindest mehr als es seichte TV-Unterhaltung ist. Und ja, dadurch wird sich Theater nie so rechnen lassen, wie das Boulevardbühnen und Musicalhäuser tun. Und nein, dies ist verdammt noch mal auch nicht unser Auftrag! Wir präsentieren Stücke von Autoren, die zum Mitdenken anregen. Dies tun wir am TdA im Laufe einer Spielzeit vor zehntausenden älteren und jugendlichen Zuschauern. Wir sensibilisieren unser Publikum – meist ohne dass es dies selber merkt – dafür, dass das Leben eben nicht schwarz-weiß, nicht in eine „gute“ und eine „böse“ Seite einzuteilen ist. Wir zeigen, dass die Probleme, die uns plagen vielschichtig und diffizil sind.

 

Ich bleibe dabei, was ich in meinen ersten Interviews immer wieder gesagt habe: Theater ist ein scharfes Schwert gegen den braunen Sumpf. Die Klassenzimmerstücke, mit denen wir in die Schulen gehen, unsere theaterpädagogischen Spielclubs, unsere Ensemblestücke, die wir vormittags vor dicht besetzten Reihen von Schülern aller Altersstufen spielen, tragen dazu bei, dass die Kinder, die Jugendlichen mit großem Spaß ihren Verstand einschalten. Und damit trainieren sie das, was einen immun macht gegen dumpfe und schlichte Parolen politischer Rattenfänger: selber denken.

 


5.2014 / Alexander Netschajew

Es ist vollbracht! Nach sieben Spielzeiten werden die Eintrittspreise im Theater der Altmark angehoben. Nicht zuletzt der Landesrechnungshof hatte in seinem Bericht angemahnt: „Die Erlössituation des TdA könnte durch moderate Eintrittspreiserhöhung positiv beeinflusst werden.“ Doch vieles bleibt auch beim Alten, wie z.B. die Abopreise. Diese bleiben vorerst von jeglicher Erhöhung ausgenommen, um das Stammpublikum nicht zu verschrecken. Und so wird jeder, der sich nun entschließt, eines der sechs verschiedenen Abos zu wählen, weit über die Hälfte bei den Eintrittskarten sparen können. Also kann allen Skeptikern, ob der Bürger sich auch in Zukunft Theaterkultur im Stendaler Haus leisten kann, versichert werden: ja! Übrigens auch beim Einzelkauf! Wer sich z.B. die kommende Koproduktion mit den Brandenburger Symphonikern anschauen möchte, muss nicht mehr bezahlen wie sonst, wenn er in die Platzgruppe 2 wechselt. Ein Nachteil? Nein, auch im hinteren Drittel des Großen Hauses sieht und hört man vorzüglich. Und bei den Kinderpreisen war man sich mehrheitlich einig: das Weihnachtsmärchen, die Puppenspiele im TPZ und das Märchencafé werden auch künftig für äußerst soziale 3,50 Euro angeboten. (Apropos: Ins Kino kommt man für diesen Preis nicht, schon gar nicht ins 3D-Kino. Wir dagegen sind immer 3D.) Und in Zukunft gibt es einen „Spezialtarif“ für Studenten, Auszubildende, Absolventen des freiwilligen sozialen Jahres und Bundesfreiwilligendienstes, Empfänger von Arbeitslosengeld 1+2, Empfänger von Grundsicherung und Schwerbehinderte, der deutlich unter den bisher ermäßigten Tarifen liegt.

 

Wo also ist nun der Preisanstieg zu verzeichnen? In den Preiskategorien A, B und C, Platzgruppe 1 im Großen Haus. In den kleineren Spielstätten wurden die Preise hingegen eher günstiger. Nachzulesen en detail im nächste Woche erscheinenden neuen Spielzeitheft.

 

All dies wurde am 28. April bei der letzten Stadtratssitzung der auslaufenden Legislaturperiode beschlossen. Ich saß im Publikum und freute mich: denn alle Redebeiträge der verschiedenen Fraktionen über Sinn und Zweck der Eintrittspreisneuordnung griffen auf „die gute Arbeit des TdA“ zurück, jeder betonte die Vorteile und die Wichtigkeit des Theaters der Altmark für den Standort Stendal. Was soll ich dazu sagen? Nur dies: danke!

 


4.2014 / Alexander Netschajew

Sie sehen aus wie zwei Bilderrahmen, fast wie aus einem Morgensterngedicht. Während dieser seinen „Lattenzaun“ als „Zaun mit Latten ohne was herum“ bedichtete, so sind diese überdimensionalen Rahmen zwei Einfassungen „ohne was darin“. Sie stehen direkt gegenüber dem Theater der Altmark, auf der anderen Seite der Karlstraße. Diese wiederum ist nun Schuld daran, dass wir unser großes Roland-Spektakel nicht wie geplant auf dem grandios misslungenen Vorplatz des Theaters aufführen werden, sondern auf dem rückseitigen Theaterhof. Denn die Karlstraße ist Umleitung für den Verkehr, der sich durch die Baustelle in der Bahnhofstraße auf neuem Weg durch die Hansestadt schlängeln werden muss. (Finde ich eigentlich gut, so sehen auch die Bürger, die bisher nicht zu unserem Publikum gehören, wo in Stendal ihr Theater steht!) Der Durchgangsverkehr geht also dann vorbei am TdA, vorbei an den beiden, ins Nichts gestellten Bilderrahmen. Diese werden wir befüllen dürfen – vielen Dank! – und auf unser Open-Air-Spektakel nach dem Rolandfest aufmerksam machen können. Gleichzeitig gibt diese Aktion einer alten Idee neuen Auftrieb: ein Parkplatz! Von hier aus könnten die Bürger die Breite Straße erreichen, sind somit mühelos bei den Geschäften und Restaurants der Innenstadt. Abends und vor allem am Wochenende könnten Theaterbesucher ohne aufreibende Parkplatzsuche ihren fahrbaren Untersatz abstellen, die Karlstraße überqueren und das Foyer betreten. Das wäre schön! Denn wie oft bin ich bereits angesprochen worden von Bürgern dieser Stadt: „Wir würden ja viel öfter...“ oder „Wir würden ja überhaupt wieder...“ – aber die Parkplatzsituation. Mein Hinweis auf den Edeka-Parkplatz verkneife ich mir mittlerweile, denn viele potentielle Theatergänger sind im Rentenalter und definitiv nicht mehr gut zu Fuß. Und ein Theaterbau, der für über 500 Zuschauer Platz bietet, sollte Rahmenbedingungen bieten, um Zuschauer anzulocken. Und mit der Baulücke, die in all den Jahren nicht geschlossen werden konnte, bietet sich die einmalige Gelegenheit, diesen bei der Planung sträflich vernachlässigten Aspekt auszuräumen.

 


3.2014 / Alexander Netschajew

Leider hatte ich es vorher nicht ganz mitbekommen. Am Nachbartisch, da saßen nämlich zwei ältere Damen. Mittagessen für 3 neunzig, super lecker! Das „M1“ in der Brüderstraße, das Stendaler Lokal unseres neuen Pächters der Theatergastronomie. Geh ich mittags immer hin, tolles Preisleistungsverhältnis, abwechslungsreich und gut gemacht, sehr empfehlenswert! Meist ist noch nicht allzu viel los, das Mittagsangebot ist relativ neu, die beiden Damen jedenfalls hatte ich noch nie dort gesehen. Offensichtlich schmeckte es ihnen; der Krustenbraten samt Beilagen war ordentlich weggeputzt. Dann kam die aufmerksame Bedienung, es wurde etwas geordert, was ich – wie oben angemerkt – zunächst nicht mitbekam. Etwas unsicher steuerte die freundliche, junge Frau ihren Bereich hinter dem Tresen an und machte sich dort zu schaffen. Dann – alles aus dem Augenwinkel betrachtet – kehrte sie mit leeren Händen zurück und fragte unsicher „Nun? Wo soll’s denn hin?“ Die Damen wiederum blickten sie ebenfalls unsicher an: „Wie bitte?“ – „Na, die Klebestreifen!“ Und tatsächlich entdecke ich an ihrem ausgestreckten Mittel- und Zeigefinger je einen Streifen Tesafilm. „Wir verstehen nicht, was Sie meinen...“ antworten die Damen. „Sie haben doch gerade gefragt, ob Sie zweimal Tesa bekommen könnten.“ – „Ja, gute Frau, dann bringen Sie sie doch.“ (Ich bemerke, wie die engagierte Kellnerin gerade anfängt sich zu fragen, ob das Augenlicht der betagten Damen überfordert sei, da kommt die Bestellung erneut. Und diesmal bekomme ich sie auch mit.) „Wir haben doch gerade gesagt: wir hätten gerne zwei Malteser...!“ – Spannungsvolle Stille! – „Ach so!“ entfährt es dann der Jüngeren und sie muss sich kurz sammeln. „Was haben Sie denn verstanden?“ möchten die Seniorinnen wissen. „Ach, nichts!“ ist die Antwort und die Tesastreifen verschwinden unauffällig in der Hand. „Hat es Ihnen denn geschmeckt?“ – „Großartig,“ kommt es unisono, „ganz ausgezeichnet!“ – Tja, denke ich mir da, der Kunde ist König. Egal, ob zwei mal Tesa oder zwei Malteser. Prost!

 


2.2014 / Alexander Netschajew

Am Donnerstagabend war ich im „Schwarzen Adler“, die Altmärker des Jahres 2013 wurden ausgezeichnet. Alle 61 Nominierten wurden zunächst treffend und charmant vorgestellt, anschließend die „Sieger“ bekanntgegeben und mit einer Laudatio bedacht. Ich saß in der zweiten Reihe, konnte jedes verlegene Lächeln, jeden ungläubig erstaunten Blick, jedes respektvolle Augenbrauenhochziehen verfolgen. Wieder stand es vor mir, das Spielzeitthema des TdA: HEIMAT. Hier wurde das „kleine“, das „selbstverständliche“ Engagement geehrt, ohne welches unsere Gemeinschaft keine wäre: Seelsorge, Rommérunden, Sportvereine, Freiwillige Feuerwehr, kirchliche Initiativen, soziales Engagement, Theatergruppen, Musikensembles, Tierschutz, Karneval, Brauchtum – die Reihe ist unvollständig, nur ein Teil des großen Blumenstrauß’. Michael Ziche brachte es auf den Punkt, als er zum Schluss den Schauspieler Ewald Balser zitierte: „Die Welt lebt von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.“

 

Ich saß immer noch in meiner zweiten Reihe und fühlte mich wie im Erholungsurlaub nach all dem GroKo-Innenminister-Edathy-Getue, welches mich zwischenzeitlich an den Grundfesten unserer Demokratie zweifeln ließ. Oder der Mais 1507 der US-Firma Monsanto, der von unseren Volksvertretern entgegen allen Zusagen und Versprechungen in Brüssel durchgewunken wird. 88% der Bundesbürger haben Vorbehalte gegen den Anbau von genmanipulierten Lebensmitteln – trotzdem... Fehler gemacht? Keine Spur. Sich irgendetwas vorzuwerfen? Ach was! Ein verheerendes Bild, was sich dem Bürger mit dem Blick nach Berlin bietet. Man klebt an den Ämtern, beschuldigt oder schützt sich gegenseitig und die Diäten werden erhöht. Bravo!

 

Ich stehe auf und hole mir ein Bier. Freue mich über die aufgekratzte Stimmung im Festsaal des „Schwarzen Adler“, gratuliere von Herzen denen, die prämiert wurden und denen, die prämiert haben. Und das Händeschütteln ist aufrichtig und fröhlich.

 


1.2014 / Alexander Netschajew

Die besinnlichen Feiertage liegen hinter uns. Die übriggebliebenen Spekulatius werden zum Kaffee verzehrt, die CDs vom Gabentisch probegehört, die selbstgestrickten Socken probegetragen, die letzten Neujahrswünsche ausgesprochen und empfangen. Schön war sie, die „stade Zeit“... Besinnlich. Richtig entspannend... Nein? Nicht entspannend und still? Stressig?? Termindruck und zu viele Einladungen? Ach was!? Tut mir leid, aber damit können Sie einen Theatermann nicht beeindrucken. Der Dezember und ganz besonders die Zeit unmittelbar vor, während und nach Weihnachten und dem Jahreswechsel sind für unsereins außerordentlich intensiv und strapaziös! Aber andererseits – diese Tage lohnen sich: volles Haus, Publikum, das sich erbauen möchte, prächtiger Umsatz. Natürlich hat der Intendant leicht reden. Er lässt spielen, streicht den Gewinn ein und rechnet diesen lächelnd in seine Bilanz. (Aber der Gerechtigkeit halber sei erwähnt: auch ich war eingespannt. Direktionsdienst am 1. Weihnachtsfeiertag sowie an Sylvester – und am 26.12. las ich Saint-Exupérys „Kleinen Prinzen“.) Und nun die Sonntagsfrage: was haben wir eingenommen in der Zeit von der „Schneekönigin“ am Montag vor Heilig Abend bis zum Neujahrskonzert der wunderbaren Brandenburger Symphoniker? Und ich frage nur nach den Hauseinnahmen, nicht nach den Gastspielhonoraren, die wir ebenfalls außerhalb der Stadtmauern erwirtschafteten. Vor zwei Jahren waren es mit zwei Duzend Hausvorstellungen 45.000 Euro. Um die Jahreswende 2012/13 mit 22 Vorstellungen 55.000 Euro. Und dieses Mal waren es sensationelle 60.000 Euro Einnahmen durch Ticketverkauf bei 26 Vorstellungen und knapp 4.750 Zuschauern! Innerhalb von zwei Wochen Sinfoniekonzerte, Liederabend, Schauspiel, Weihnachtsmärchen, Erzähltheater für die Kleinsten, Musical, Komödie, Operngastspiel, Lesung, Ballett – alles in Ihrem Theater! Ich bin wieder einmal von meinen Mitarbeitern beeindruckt, ich muss das einfach so sagen. Danke für 2013. So kann's weitergehen. 

 


11.2013 / Alexander Netschajew

Im November komm ich manchmal ins Träumen. Die Tage werden kürzer, der Nebel hängt in den Gassen und zwischen den Bäumen. Da gehen die Gedanken auf Wanderschaft. Und sei es nur auf dem kurzen Fußmarsch zwischen meiner heimatlichen Wohnung und dem Theater. Da stellte ich mir letztens vor, es gäbe ein Sparschwein, wo jeder Euro, den ich hineinsteckte auf wundersame Weise vervielfacht würde... Ich werfe einen Euro hinein und – schwups! – befinden sich wie von Zauberhand insgesamt 2,85 EUR in dem Schweinderl. Ich wiederhole diesen Vorgang und schaue genau hin: da erkenne ich, dass eine größere Hand 1,11 Euro und eine kleinere Hand 37 Cent hinzu gibt! Wow! Wie aufregend! Doch woher kommen die restlichen 37 Cent? Ich investiere noch einmal einen Euro – das Schauspiel wiederholt sich! Nicht möglich – (es befinden sich mittlerweile 8,55 EUR in meiner Spardose, obwohl ich nur 3 Euro hinein geworfen habe!), aber das Sparschwein ist ein Zaubersparschwein, denn es spuckt die 37 Cent aus seiner Schnauze und wirft sie in Blitzesschnelle sich selbst in den Sparschlitz! Großartig!! Und das allerbeste: Mir wird plötzlich bewusst, dass dieses Geld sofort meiner Familie zugute kommt! Sie sich dadurch ernähren, unterhalten, ja: sogar bilden kann! Ich rechne nach, was ich noch investieren könnte, damit ich diesen sensationellen Zinssatz voll ausschöpfe! Ich rechne nach, ich überlege... Da stehe ich plötzlich vor meinem Arbeitsplatz und muss laut lachen. Offensichtlich hat mir mein Tagtraum das TdA als Spardose vorgegaukelt...? Aber die Zahlen stimmen. Ich bin verblüfft! Rechne nach: 1,35 Mio Euro gibt die Hansestadt für das Theater, sprich für ihre Bürger. Knapp 1,5 Mio das Land, knapp 0,5 Mio die Landkreise, gut 0,5 Mio verdienen wir selbst. Stendal gibt in 2013 als Trägerin des TdA eine stolze Summe. Rund 2 Millionen Euro fließen dadurch zusätzlich in die Hansestadt und sichern Arbeitsplätze, Lebensqualität, sorgen für politische Bildung bei Jugendlichen, verzaubern Kinder jenseits des TV-Mainstreams und der Videospiele-Industrie. Ein schöner Traum. Hoffentlich bleibt er wahr.

 


10.2013 / Alexander Netschajew

Ich esse sehr gern Schnitzel. Vor allem in dem netten gastronomischen Betrieb nahe des Theaters. Hat sich etabliert, dass ich dort hingehe, die Kellnerin mich anlächelt und fragt: „So wie immer?“ – Dann nicke ich und freue mich auf das Kommende. Und vor zwei Wochen begrüßt sie mich mit den Worten: „Heute wieder Vorstellung im Theater, stimmt’s?“ – Ich schaue sie verblüfft an: „Sie kennen unseren Spielplan?“ – „Nö,“ lautet die ehrliche Antwort, „aber wir sind heute mal wieder restlos ausgebucht.“

 

Und am vorletzten Freitag sitze ich in einem anderen gemütlichen Restaurant, ebenfalls nahe meines Arbeitsplatzes, voll froher Erwartung auf unsere Premiere „Alles über Liebe“. Da kommt eine Dame aufgeregt herein, geht zielstrebig auf die Bedienung zu und beginnt in einem Ton, als hätte man ihr Auto heimlich umlackiert: „Jetzt stellen Sie sich mal folgendes vor...“ (Die Bedienung lächelt freundlich.) „...jetzt bin ich ins Theater gegangen, Sie wissen schon, um die Karten zu kaufen, wo der mitspielt, Sie wissen schon...“ – „Ja, der aus dem Fernsehen...“ – „Genau der, richtig!“ (Sie atmet tief durch, hält sich an einer Stuhllehne fest.) „Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, was diese Frau an der Kasse sagt...“ – Atemlose Spannungspause! – „Sagt die doch: ausverkauft.“ (Sie macht ein Gesicht als hätte man ihr eine Tasse Kaffee in die Handtasche gekippt.) „Aus-ver-kauft!“ – Ungläubiges Staunen auf der Gegenseite. – „Ja, was mach ich denn jetzt?“ Und bevor eine Antwort kommt, wirft sie fast beleidigt hin: „Dann brauch ich den Tisch bei Ihnen auch nicht mehr, mein Mann und ich, wir fahren wieder nach Hause.“

 

Ich blicke ihr nach. Ich denke, was wir nicht alles bewirken mit unserem kleinen Theater: Knappe 2 Millionen Euro fließen durch Land und Landkreise in die Hansestadt, gut eine weitere halbe Million setzen wir durch Kartenverkäufe um. Und dazu noch die „Umwegrentabilität“ – zusätzliche Gelder, die der Stadt durch Umsatzsteuer zugute kommen, weil Bürger das Theater zum Anlass nehmen, Stendal zu besuchen, hier zu essen, einzukaufen, vielleicht sogar zu übernachten. Von den Auftragsvergaben durch das Theater selber an die heimische Wirtschaft gar nicht zu reden. Oder... Sollten wir vielleicht mal darüber reden?

 


9.2013 / Alexander Netschajew

Ein Jahr also lebe und arbeite ich nun in Stendal. Bin Altmärker ohne Wenn und Aber. Ob ich mich denn langsam eingelebt habe, werde ich immer wieder gefragt, manchmal mit einem (so scheint mir) mitleidigen Unterton. Ich schmunzle. Bei dem Beruf eines Theaterintendanten bleiben einem nicht viele Augenblicke zum Fremdeln. Man muss „ankommen“ und Fühlung aufnehmen. Anders ist es nicht möglich Geschichten auf die Bühne zu bringen, die die Menschen berühren sollen.

 

HEIMAT – so überschreiben wir die Spielzeit 2013/14, die am heutigen Samstag beginnt. Und ja, die Hansestadt ist mir mittlerweile zu einer neuen Heimat geworden. Die Begegnungen mit den Menschen innerhalb und außerhalb des Theaters haben mir den Wert und die Liebenswürdigkeit dieses Fleckchens Erde gezeigt. Meine Söhne – nach wie vor in Bayern zuhause – haben hier ebenfalls eine neue Heimat gefunden, die sie gerne regelmäßig besuchen.

 

Was ich mir manchmal wünschen würde ist ein herzliches: „Mir san mir!“ Das berühmte Bayerische Motto, welches wörtlich mit „Wir sind wir“ zu übersetzen ist und so viel heißt wie „Wir sind so, wie wir sind!" Mit einem unausgesprochenen "Und das bleibt auch so!" unterlegt. Nicht immer sympathisch für den Rest der Welt, aber als Schutz der Heimat ein gutes Mittel. Stendal, die Altmark und Sachsen-Anhalt haben so viel zu bieten, was es zu bewahren gilt und was die Lebensqualität sichert. Die Anziehungskraft des Angebots für die Bürger ist der Garant, dass Menschen bleiben, zurückkommen oder neu hinzuziehen. Und auch Investoren kommen nicht in einen Landstrich, in welchem abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. "Tradition", soll ja auch Riccarda Huch einst gesagt haben, "ist weiterreichen der Glut, nicht der kalten Asche."

 


6.2013 / Alexander Netschajew

Neulich war ich auf dem Weg nach Brandenburg. Da geht es jenseits der Elbe durch Fischbeck. Die Straße dorthin ist nun wieder freigegeben. Die Fahrt durch den verwüsteten Ort machte beklommen. Immer noch stehen Wiesen, Vorgärten, Garagen, Keller unter Wasser. Am Straßenrand türmen sich Berge von aufgeschichtetem Hausrat, der aufgequollen und ruiniert auf seine Entsorgung wartet. Menschen in Gummistiefeln. Schläuche, die Wasser abpumpen. Und über allem ein modriger Geruch. Welche Zerstörung!

 

Die Flut hat Schäden in Milliardenhöhe verursacht. Nicht nur ganze Ortschaften, auch Betriebe und landwirtschaftliche Nutzflächen standen unter Wasser. Viele Hilfsaktionen sind inzwischen angelaufen. Auch das Theater der Altmark will einen Beitrag zur Linderung der Not leisten – mit unserer Benefiz-Jam „Künstler für Flutopfer“. Am 6. Juli spielt unser jugendliches Ensemble „Theaterjugend Altmark“ um 19:30 Uhr sein Musical „13“ im Großen Haus. Ein farbenfrohes Spektakel! Anschließend singt unser Ensemble im Theatercafé, die Musikerfabrik Frank Wedel packt die Jazz-Instrumente aus. Die Einnahmen des Abends – Eintrittsgelder und Spenden - kommen den Hochwasser-Betroffenen zugute. Landrat Carsten Wulfänger ist eingeladen, Oberbürgermeister Klaus Schmotz hat sich angesagt .

 

Kommen Sie in Ihr Theater der Altmark! Lassen Sie uns zusammenstehen in der Hilfe für die Betroffenen. Zeigen wir uns solidarisch denjenigen gegenüber, die augenblicklich um ihre Existenz kämpfen müssen. Wir Altmärker halten zusammen! Das erlaube ich mir als Neu-Stendaler zu sagen, der sich in seiner neuen Heimat sehr wohlfühlt. Wir sehen uns!

 


5.2013 / Alexander Netschajew

Am 19. April wurde Birgitta Wolff entlassen. Die Sparpläne der Landesregierung wollte die Landesministerin für Wissenschaft und Wirtschaft nicht mitmachen. Seitdem rumort es. Demonstrationen und parteiinterne Kämpfe innerhalb der SPD-Fraktion stellen die Finanzpläne von Jens Bullerjahn in Frage.

 

Beim Kulturhaushalt ist man noch nicht so weit. Hier fehlen noch die Ansagen, wie es tatsächlich ab 2014 weitergehen soll. Ein Treffen der Rechtsträger der Theater und Orchester in Sachsen-Anhalt beim Kultusminister am 16. Mai wurde kurzfristig abgesagt. Dabei hatte doch der Kulturkonvent – vom Landtag 2011 einstimmig beschlossen – über ein Jahr beratschlagt und eindeutige Empfehlungen abgegeben, die als Grundlage für die Erstellung eines Landeskulturkonzepts für den Zeitraum bis 2025 dienen sollen. Die Empfehlung war und ist: mehr in die Kultur zu investieren. 100 Mio. Euro. Aber die Zeichen stehen auf: sparen. Von derzeit 85 Mio. Euro auf 80 oder gar 75 Mio. Euro. Es toben derzeit Gerüchte aller Arten.

 

Da initiierte der Deutsche Bühnenverein – u. a. – mit der Deutschen Orchestervereinigung, der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. sowie der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (Institutionen, die sich sonst spinnefeind sind!) am 21. Mai einen gemeinsamen Aktionstag in Halle, bei dem Angehörige des TdA natürlich ebenfalls teilnahmen. Wir und viele andere Demonstranten bezogen sich auf  den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert – wie Reiner Haseloff CDU-Mitglied: „Kunst und Kultur sind nicht die sympathische Nische unserer Gesellschaft, sondern das Eigentliche, das sie zusammenhält“. Außerdem: der Anteil der Kulturausgaben am Gesamthaushalt des Landes beträgt 0,85%. Damit will man das große Ganze sanieren?

 

Ausgerechnet ein „kultur-ferner“ ver.di-Redner brachte es auf den Punkt: „Weg mit dem zynischen Motto ‚Sachsen-Anhalt, das Land der Frühaufsteher’! Jedermann weiß, dass der Weg zur Arbeit nach Niedersachsen frühes Aufstehen erfordert. Ein innovatives Zeichen und Alleinstellungsmerkmal wäre: ‚Sachsen-Anhalt, das Land der Reformation, der Bildung und Kultur’!“

 

Beteiligen Sie sich am Protest unter: www.5v12.org

 


4.2013 / Alexander Netschajew

Letztens wurde ich auf das Format „Klassenzimmerstück“ angesprochen. Was es denn damit auf sich habe? Nun, gestern hatte „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“* im Stendaler Privatgymnasium Premiere. Ich war als Intendant – natürlich – dabei:

 

Der junge Schauspieler stürmt hektisch ins Klassenzimmer der 8c und ruft: „Krieg! Es ist Krieg! Überall wird geschossen!“ Und damit springt er ans Fenster und beschreibt abgehackt die Schießereien, das Chaos, die Zerstörung. Viele Schüler grinsen. Krieg? Jaja, denkste. Der Darsteller ändert sofort den Ton und fragt trocken: „Das könnt ihr euch nicht vorstellen, oder? Dass euer Haus zerstört, eure Eltern verletzt, Freunde von euch umgebracht wurden? Stellt euch mal vor, wie das wäre...“ Und so erzählt er die Was-wäre-wenn-Geschichte hartnäckig immer weiter. Ganz nah dran ist er an den Schülern, die immer mehr gepackt werden, stiller werden, gebannt zuhören.

 

Nach 40 Minuten hat der Spuk ein Ende. Applaus. Nachdenkliche Stille. Das ist der Auftritt des Theaterpädagogen. „Schreibt bitte ein Wort auf, das euch jetzt durch den Kopf geht. Nur ein einziges Wort.“ Diese Worte werden nach einer kurzen Verschnaufpause vorgelesen und erörtert. Worte wie Verlust, Angst, Zuhause, Ungewissheit – Pro und Contra werden abgewogen. Beim Wort „vertrieben“ werden die Schüler gefragt: „Kennt ihr denn Vertriebene? Also, ‚Asylanten’?“ Wieder grinsen einige. „Naja, gesehen schon, aber kennen – nee!“ Da meldet sich ein Mädchen: „Mein Opa wurde vertrieben.“ – „Meiner auch!“ erwidert ein Junge.

 

Ein Mädchen hat das Wort „Schuldgefühle“ geschrieben. Man zählt auf, wo der tragische Held der Geschichte selber Schuldgefühle bekommen haben muss. Als er seinem Freund nicht geholfen hat z.B. als der genauso in Not war wie er; oder als er Papiere fälschte, um ausreisen zu können. Da meldet sich das Mädchen: „Ich meinte das eigentlich ganz anders. Nämlich, kaum war das Stück zu Ende, da bekam ich Schuldgefühle. Denn Krieg gibt es ja und Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben. Ich glaube, ich müsste denen doch irgendwie helfen. Denn – irgendwas muss man doch tun können, oder?“

 

*Klassenzimmerstück von Janne Teller, ab sofort im Repertoire des TdA,

zu buchen unter 03931-635715

 


3.2013 / Alexander Netschajew

Denk ich an Europa in der Nacht ... bin ich um den Schlaf gebracht. So würde Harry Heine* wohl heute dichten.

 

Denn die ganze Welt schaut auf Zypern. Zumindest die Europäische Union schaut auf Zypern. Also die Staats- und Regierungschefs. Oder immerhin die Wirtschaftsleute, die für das Funktionieren „des Marktes“ arbeiten. Was leider gleichbedeutend mit den Regierungen ist, so scheint es manchmal. Nein, so scheint es immer öfter. Denn: „Wenn der €uro scheitert, scheitert Europa.“ So das goldene Wort der Kanzlerin. Als sei die Europäische Idee, der Europäische Gedanke zu reduzieren auf ein gemeinsames Zahlungsmittel. Traurig. Todtraurig, wenn man es genau nimmt.

 

Warum schaut Europa eigentlich nicht auf Ungarn? Seit 1999 ist Ungarn Mitglied der Nato, seit 2004 Mitglied der EU. Seit 2010 herrscht dort eine rechtskonservative Regierung, die sofort eine massive Beschneidung der Pressefreiheit durchsetzte. Jetzt, am 11. März wurden die Kompetenzen des Verfassungsgericht Ungarns de facto abgeschafft, die Meinungsfreiheit eingeschränkt, wenn die „Würde der ungarischen Nation“ aus Sicht der Regierung beschädigt wird.

 

Hallo...? Hallo!!? Wo sind die andauernden Proteste der Europäischen Staats- und Regierungschefs? Wo sind die nächtlichen Sondersitzungen der Europäischen Kommission? Unser Außenminister traf sich mit dem ungarischen Präsidenten, danach war von einem „kontroversen Meinungsaustausch“ die Rede. Immerhin! Doch – mit Verlaub – mir ist das entschieden zu wenig. Denn es geht hier nicht um eine Währung, es geht hier um Werte, um den Freiheitsgedanken, um Demokratie.

 

1944 deportierte ein Sonderkommando unter Adolf Eichmann zusammen mit der ungarischen Polizei über 430.000 ungarische Juden. George Tabori erzählt in seinem Text „Mutters Courage“ von der wundersamen Rettung seiner Mutter Elsa aus diesem Höllenweg, der in Budapest beginnt und in Auschwitz – dem laut Tabori „kürzesten deutschen Witz“ – enden sollte. Ein hoffnungsvolles, verstörendes, poetisches Theaterstück. Die heutige Premiere ist ausverkauft, für morgen, Sonntag um 18 Uhr gibt es noch Karten.

 

*Harry Heine (1797 – 1856) wollte bereits zu Lebzeiten auch von nicht-jüdischen Deutschen ernstgenommen werden und gab sich ab 1825 den Vornamen „Heinrich“.

  


2.2013 / Alexander Netschajew

Kennen Sie Roland Berger? Ein Unternehmensberater, aber einer von der richtig großen Sorte. Seine nach ihm benannte Strategy Consultants GmbH ist in 36 Ländern vertreten und gehört somit zu den fünf größten Strategieberatungen weltweit. Berger und seine Leute beraten die ganz Großen aus Politik und Wirtschaft, ja, auch die Kanzlerin. Seine ebenfalls nach ihm benannte Stiftung hat ein Stiftungsvermögen von 50 Millionen Euro. (Was Wunder, wenn sein Privatvermögen auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt wird?)

 

Was ich sagen möchte: der Mann scheint etwas von seinem Fach zu verstehen. Und dieser Roland Berger äußerte sich der Wochenzeitung DIE ZEIT gegenüber wie folgt: Die große wirtschaftliche Chance Ostdeutschlands besteht in der Zuwanderung. „Nur steht dem etwas entgegen: das Problem mit dem Rechtsextremismus“, sagte der 75-Jährige. „Man muss Gegenangebote schaffen. Man muss die Kultur im Osten zum Glänzen bringen.“ Denn wer Kultur und Bildung fördere, so Berger, bekämpfe Extremismus. Deshalb solle die Regierung hier investieren.

 

Richtig, Herr Berger! Ihr Wort in der Kanzlerin oder des Ministerpräsidenten Ohr! Kulturarbeit = Schulung von Demokratie. Und ich möchte in diesem Zusammenhang mal ganz bescheiden auf die 40.000-Einwohner-Hansestadt Stendal hinweisen, die sich ein eigenes Theater leistet. Ein Theater, wo ein Klassenzimmerstück zum Thema Neofaschismus entwickelt wird und dies äußerst erfolgreich in den Schulen der Altmark aufführt. Die nächste Hausvorstellung am 1. März wird übrigens flankiert vom Salzwedeler Toralf Staud, der einiges zum Thema Neonazis beitragen kann! Die nächste Premiere (16. März: „Blackbird“) ist das Drama über einen verurteilten Sexualstraftäter, der von seinem einstigen Opfer aufgesucht wird. Ein heikles Thema, das wir nicht den Rechten überlassen dürfen. Schließlich noch ein Eintauchen in die NS-Zeit mit „Mutters Courage“, die Deportationsgeschichte einer ungarischen Jüdin mit glimpflichem Ausgang. Die Premiere am 23.03. ist bereits ausverkauft. Für den 24sten gibt es noch Karten.

 


11.2012 / Alexander Netschajew

Theaterluft, -luft, -luft


Was, bitteschön, war das? – Das war eine über hundert Jahre alte Operette mit nicht totzukriegenden Melodien. Mit einem Orchester, einem Kapellmeister und Sängerinnen und Sängern. Das war ein komplettes Schauspielensemble in der Inszenierung einer Herzblutregisseurin mit einem Faible für die leichte Muse. Das war ein hoch motivierter, hinreißender Chor! Eine fantasievolle Ausstattung – mit Kostümen für über 40 (in Worten: vierzig!) Darstellerinnen und Darsteller. Ein Theaterapparat, der wie geschmiert funktionierte: Technik, Beleuchtung, Maske, Garderobe, Requisite. Charmante Einlassdamen. Perlender Sekt. Heiterkeit. Ausgelassenheit. Standing Ovations! Zugabe!!!

 

Danach? Anerkennendes Zuprosten der Musikerinnen und Musiker an die Bühnenkünstler. Darsteller, Sänger, Chormitglieder liegen sich in den Armen. Vergessen all die Mühe, die Zweifel, die Verzweiflung. Wird das überhaupt etwas? Kann man das zeigen? Blamieren wir uns?? Ist – das – witzig???

Oh ja! Das Publikum war außer Rand und Band am Abend des 17. November, als sich der Vorhang über „Frau Luna“ wieder senkte. Feierte, klatschte, lachte, jubelte. Minutenlang. Und dann wurde sie noch einmal wiederholt, die „Berliner Luft, Luft, Luft“...!

 

Im Rang der Intendant. Ungläubig. Ein Wunder? Ja, ein Wunder, was sonst? Bürger kommen zusammen, erleben etwas Gemeinsames, feiern miteinander eine Aufführung, die es vorher nicht gab, die nur für sie entstanden ist. Bürgerliches Selbstbewusstsein. Das hat Strahlkraft. Bekannte aus Berlin empfehlen: „Macht Werbung in Berlin! Da gibt es so was nicht!“ Die Stadträtin a. D. aus Regensburg – zum ersten Mal in der Hansestadt – bekennt: „Eine solche Qualität habe ich nicht erwartet.“* Und der alte Herr, der nach der Aufführung im Foyer steht und sagt: „Ich gehe bereits seit über 60 Jahren ins Theater. Aber so etwas Schönes hab ich noch nie gesehen...“

 

*Regensburg leistet sich ein Drei-Sparten-Haus (Etat: 18 Mio Euro)

 


11.2012 / Alexander Netschajew

Sie heißt Schnucki. Und es war Liebe auf den ersten Blick. Kaum hatte er erfahren, dass man Pate werden kann, streifte er in dem kleinen Gelände umher und scannte die Tiere nach Patenkindtauglichkeit. Und nach kürzester Zeit war für Aljosha klar: Sein Patenkind stand fest auf vier paarhufigen Beinchen, sie hatte zwei winzige Hörner und war die schnuckeligste aus dem kleinen Rudel. Flugs war der Antrag ausgefüllt. Und zurück in Bayern tätigte er die Überweisung. "Papa, bloß dreißig Euro fürs ganze Jahr! Das schaffe ich!" Da war es noch August. Nun ist Aljosha zu Beginn der Herbstferien zurück in der Hansestadt. Und der erste Gang führte ihn in den Tiergarten Stendal.

 

Es regnete. Die Zwergziegen standen alle in ihrem Verschlag, als wir des Weges kamen. Darum widmeten wir uns erst einmal dem überdachten, großen Trichter, der die Kupfer-Centstücke in langgezogenen elliptischen Bahnen verschluckt. (Bereits Tage vorher hatte ich angefangen 1er, 2er und 5er auf die Seite zu legen.) Doch die dritte Münze war noch nicht im Loch verschwunden, da meckerte es hinter uns. Wir drehten uns um. Ich war sprachlos. Und Aljosha lächelte glücklich. Denn da stand Schnucki. Allein im Regen, die Vorderhufe auf dem Zaun. Und sie fixierte meinen Sohn und machte – mäh-äh-äh-äh-ääh!

 

Was nun folgte, war klar: die ebenfalls gehorteten 10-Cent-Stücke kamen zum Einsatz: sie passen in die Automaten und mit Ihnen kann man zwei Handvoll Futter hervorholen. Als der Regen bereits langsam durch unsere Jacken drang, machten wir uns auf den Heimweg. Vorbei an dem Schild, auf dem alle Tierpaten des Tierparks aufgelistet sind. Aljosha war stolz. Und glücklich. Und beim Abendbrot sagte er: "Weißt du, Papa, auch Stendal hat sehr viel Schönes..."

 


9.2012 / Alexander Netschajew

Nun ja, was soll ich sagen? Premiere. Eröffnungspremiere! Schiller!! Große Gefühle, auch hinter den Kulissen. Naht der Weltuntergang? Nein, es wird wahrscheinlich schlimmer... Mit einem Wort: jede Menge Drama, das Theater pulsiert, wir Künstler drehen uns um uns selbst, spüren und erschaffen eine Welt, die wir am Premierenabend – heute! – gebären werden. Wir sind mit uns beschäftigt, sind Mittelpunkt, sind Kanzlerkandidat. Oder sind wir Papst? Welcome to the Job...

 

Doch in mir schwingt etwas ganz anderes nach. Anton, vierjährig. Ich traf ihn an der Eisdiele. Ich kaute an meinem verspäteten Mittagessen. Mama stellte ihm eine Kugel Eis in Aussicht. Die Auswahl war groß. Einmal alle Sorten abschreiten, einmal die Theke von links nach rechts. Da packt Mama Anton am Arm. „Jetzt hast du deine Jacke dreckig gemacht!“ zischt sie, nestelt ein Taschentuch heraus und rubbelt damit unsanft an Antons Ärmel. Laut sagt sie dabei: „Darum will ich nicht, dass du die neuen Sachen anziehst!“ Jetzt drehen sich auch alle anderen Gäste um, denn ohne Luft zu holen, schreit sie noch: „Welche Sorte willst du denn jetzt??“ Ihre Taschentuchhand umklammert mittlerweile Antons Oberarm. Anton überlegt, deutet mit dem freien Arm. Da durchschneidet Mamas schrille Stimme die Luft: „Nein, das ist Waldmeister und Waldmeister schmeckt dir nicht, du bekommst Vanille!“ Nichts regt sich. Meine Pasta quillt mir im Mund. Eine Kugel Vanille wandert in Antons kleine Hand. Man geht weiter. Die Kugel bleibt unangerüht, solange Anton in meinem Blickfeld ist.

 

Ich gehe zurück zu Schiller. Mir ist unwohl. Auf der Probe steht nun die Szene zwischen Präsident und seinem Sohn. Der heißt nicht Anton, sondern Ferdinand...

 


8.2012 / Alexander Netschajew

Ankunft in Stendal. Möbelwagen, Möbelpacker, unendlich viele Kartons. Trotzdem sind die Regale irgendwann aufgestellt, die Kartoninhalte irgendwie gebändigt und verstaut. Auf zum Einwohnermeldeamt! Dort zunächst skeptisches Stirnrunzeln. „Wieso zieht man denn, bitteschön, von München nach Stendal?“

 

Statt der Gegenfrage „Warum, bitteschön, sollte ich nicht?“ antworte ich wahrheitsgemäß: „Weil ich hier einen tollen Job bekommen habe.“ Der Mitarbeiter verzieht den Mund. Fast missmutig fragt er – nicht mich, sondern vielmehr einfach vor sich hin: „Wo gibt es denn, bitteschön, in Stendal tolle Jobs?“ Eingeschüchtert gebe ich zu: „Im Theater...“ Die Mine des Sachbearbeiters hellt sich schlagartig auf, die Sonne scheint in diesem Augenblick sogar noch etwas heller ins sachlich eingerichtete Büro zu scheinen.

 

Er strahlt mich lächelnd an und wiederholt versonnen: „Im Theater...“ – Meine Anmeldung ist längst erledigt, mein Personalausweis längst aktualisiert, aber der freundliche Angestellte der Stadt erzählt immer noch vom „Teedee-Ah“, von Aufführungen, Erlebnissen und Bekannten dort in der Karlstraße...

 

Zwei Tage später sitze ich im Gerberhof und schaue mir eine vollbesetzte Vorstellung der „Abseitsfalle“ an. Ausgelassenheit. Auftrittsapplaus bei Schauspielern, die man kennt. Gelächter. Freudiges Abfeiern der Pointen. Ich sitze mittendrin. Freue mich mit. Es ist ein gelungener Abend. Und: ich bin am richtigen Ort. Hallo, Stendal! Dein neuer Bürger grüßt dich! Was würden meine Jungs sagen? Bestimmt – frei nach einem Hip-Hop-Hit der Gruppe Deichkind: „Stendal – leider geil!“